Teresa von Ávila: Die Seelen-Burg

  • Hallo zusammen!


    Text Nr. 2 meines aktuellen Mini-Projekts "Spirituelle Literatur im ausgehenden Mittelalter".


    Teresa von Ávila (m.W. die spanische Nationalheilige) war eine jener starken, inspirierten Frauen, die von Zeit zu Zeit die katholische Kirche ein bisschen aufzumischen verstanden.


    Ihre Energie zeigt sich auch in diesem Büchlein. Obwohl sie - wohl aus Vorsicht - von sich selber oft in der dritten Person erzählt, wenn es darum geht, mystische Erfahrungen konkret zu schildern, obwohl sie offenbar von ihrer Krankheit immer wieder am Schreiben gehindert wird, gelingt es ihr doch, einen kohärenten Text über die mystischen Erfahrungen ihrer Seele zu gestalten.


    Es ist keine überhebliche, besserwisserische Ordensobere, die schreibt, sondern eine Frau, die sich ihres Wertes gegenüber den Menschen und der Kirche ebenso bewusst ist wie ihres Unwertes gegenüber Gott bzw. ihren Idealen. Lebendig geschrieben - man hat beinahe das Gefühl, man höre ihr persönlich zu - vermag sie den Leser trotz der abstrakten Materie wirklich zu fesseln.


    Spirituelles vom Feinsten, aber auch ein Leseerlebnis vom Feinsten. :zwinker:


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo zusammen,


    ich war schon immer von ihrem Gebet beeindruckt:


    O Herr, bewahre mich vor der Einbildung,
    bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema
    etwas sagen zu müssen.


    Erlöse mich von der großen Leidenschaft,
    die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.


    Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch),
    hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein.


    Bewahre mich vor der Aufzählung endloser
    Einzelheiten und verleihe mir Schwingen,
    zur Pointe zu gelangen.


    Lehre mich schweigen über meine Krankheiten
    Und Beschwerden. Sie nehmen zu,
    und die Lust, sie zu
    beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.


    Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
    mir die Krankheitsschilderungen anderer
    mit Freude anzuhören, aber lehre mich,
    sie geduldig zu ertragen.


    Lehre mich die wunderbare Weisheit,
    dass ich mich irren kann.
    Erhalte mich so liebenswert wie möglich.


    Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete
    Talente zu entdecken, und verleihe mir o Herr,
    die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.


    (Teresa von Avila (1515 – 1582))


    Vita Sackville-West hat sich in ihrem Buch "Adler und Taube - Eine Studie in Gegensätzen" mit Teresa von Avila und Therese von Lisieux beschäftigt.


    Viele Grüße
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo!



    Auf den ersten Blick hört sich das nach einem Widerspruch an :breitgrins:


    Muss nicht sein. Ich habe bewusst das Wort "Leseerlebnis" verwendet, da an einer literarischen oder theologischen Qualität des Textes sicher gezweifelt werden kann. Letzteres eher weniger, ersteres eher mehr ... Aber ich persönlich mag diese metaphysisch-mystischen Produkte des Mittelalters sehr, selbst wenn sie von Karl May geschrieben worden sind. :zwinker:


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus