Thomas Manns Chronologie der Schöpfung

  • Das Eisenbahnkapitel in "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" enthält einen Entwurf der Kosmogonie. Es habe nicht eine, sondern drei „Urzeugungen“ gegeben: Die Entstehung des Seins aus dem Nichts, die Erweckung des Lebens aus dem Sein und das Hinzukommen von einem Dritten: Das Wissen von Anfang und Ende. Dieses, nur dem Homo sapiens gegebene Wissen, unterscheide ihn von aller Natur, der organischen und dem bloßen Sein. Nach dem gegenwärtigen Stand der paläologisch-anthropologischen Forschung erfährt die Fähigkeit zum abstrakten Denken vor 40.000 Jahren einen sprunghaften und entscheidenden Zuwachs.


    Das Postulat der Entstehung von Materie, Leben und Geist in drei Schritten ist sowohl mit religiösem Empfinden als auch mit einer naturwissenschaftlichen Weltsicht vereinbar. Thomas Mann legt diese Philosophie dem mitteilungsbedürftigen Professor Kuckuck in den Mund, dem er Schopenhauers „Sternenaugen“ verliehen hat. Ein Jahr zuvor hatte T. M. dieses Weltbild bereits unter eigenem Namen vorgestellt ["Lob der Vergänglichkeit", Potempa G. 1119]. Die Begriffe „Geist“ und „abstraktes Denken“ für das Ergebnis der dritten Urzeugung vermeidet Th. Mann aus künstlerischem Kalkül.


    H.P.Haack

    "Trau deinen Augen" (Otto Dix)

    Einmal editiert, zuletzt von H.-P.Haack ()

  • Hallo H.-P.


    Danke für deine Zusammenfassung der Begegnung mit Herrn Kuckuck und den Zusammenhang mit Schopenhauer und Nietzsche. Philosophie ist mir fremd. Da ich derzeit den "Felix" lese, kann ich in der Richtung nachforschen und evtl. nachlesen.


    Was mich allerdings in den Bekenntnissen des Felix Krull irritiert hat, war der Zirkusbesuch. Es passte irgendwie nicht so recht rein, es wirkte wie nachträglich reingeschoben. Zwar findet sich darin das Zwittermotiv, das öfters im Buch auftaucht. Dennoch ....


    Viele Grüsse
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)