Eckermann - Gespräche mit Goethe

  • Nach 13 Monaten bin ich endlich dazu gekommen, Eckermann - Gespräche mit Goethe zu lesen. Eckermann ist mir symphatisch und erweist sich als großer Humanist und harter Arbeiter im Dienste der Künste. Das gefällt mir. Es gibt wirklich viel schönes und nachdenkenswertes über Goethe, aber auch die Zeit der weimarer Klassik, über Literatur und bildende Künste im Allgemeinen und im Besonderen zu entdecken. Es war wirklich ein illustres Völkchen da in Weimar. Weimar als kulturelles Weltzentrum... ja, das war es wirklich einmal. Und Eckermann passte da gut hinzu und hinein. Ein Buch über Klassik und klassische Künste schlechthin. Seit ich mich erst einmal an den schwärmerischen Ton und den Lobgesang Eckermanns über Goethe gewöhnt habe und ihn leicht nehme, entdecke ich viel in dem Buch und finde auch Eckermanns Schreibstil sehr überzeugend. Das Eckermann auch beinahe ein bildender Künstler geworden wäre, freut mich - sowohl, dass er das Zeichnen so hoch einschätzte, als auch dass er kein bildender Künstler wurde. Hätte es sonst dieses Buch gegeben? Ich denke nicht. Noch ein schönes Wochenende! FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Was hat Goethe wohl dazu getrieben Eckermann so an sich zu binden, ihm fast wie ein Vater zu sein? Es waren wohl mehr als dessen literarische Qualitäten, er muss den Menschen Eckermann gemocht haben, fast wie seinen Sohn. Wie Eckermann langsam in die Familie Goethe aufgenommen wird und ein fester Familienbestandteil wird, finde ich außergewöhnlich. Goethe scheint mir ein sicheres und weitsichtiges Gespür für wichtige und schaffende Menschen gehabt zu haben und die Kunst diese, falls er sie mochte, an sich zu binden. Aber ich bin kein Goethekenner (noch nicht), verspüre aber beim Lesen von Eckermanns “Gespräche mit Goethe” eine drängende Neugier, mehr von Goethes Werk zu lessen und zu erfahren. Goethe als wandelnder Zitatenschatz und Eckermann als der Chronist, der uns viele dieser mündlichen Zitate für zukünftige Generationen gerettet hat…


    Der Eintrag vom 18.09.1823 ist sehr lang und ich lese ihn immer wieder gern. Seitenweise Betrachtungen über Literatur, über das Dichten, über das Beginnen literarischen Schreibens und die Stolpersteine, über die junge Talente fallen können. Es ist auch eine Mahnung an die Kontinuität und die Geburt neuer Werke aus der Traditon der besten alten Werke. Ich muss unweigerlich an Hermann Hesse ( http://www.literaturcafe.de/bo…t_topic/f/5/t/001699.html ) denken und Goethe doch zustimmen. Wollte ich zitieren, ich müsste fast die 4,5 Seiten abschreiben, dass aber spare ich mir, denn wer immer sich ernsthaft mit dem Schreiben auseinandersetzt, wird sicher Eckermanns “Gespräche mit Goethe” kennen und mit diesem Buche im Dialog stehen…


    Viele Betrachtungen Goethes betreffen die Kunst im Allgemeinen und sind so leicht dahingesagt, aber so schwer gelebt und besonders erarbeitet, wie diese Betrachtung vom 29.10.1823:

    Zitat

    …”Ich weiß wohl,” sagte Goethe, “daß es schwer ist, aber die Auffassung und Darstellung des Besonderen ist auch das eigentliche Leben der Kunst.
    Und dann: solange man sich am Allgemeinen hält, kann es uns jeder nachmachen; aber das Besondere macht uns niemand nach. Warum? Weil es die anderen Nicht erlebt haben.
    Auch braucht man nicht zu fürchten, daß das Besondere keinen Anklang finde. Jeder Charakter, so eigentümlich er sein möge, und jedes Darzustellende, vom Stein herauf bis zum Menschen, hat Allgemeinheit; und alles wiederholt sich, und es gibt kein Ding in der Welt, das nur einmal da wäre.
    Auf dieser Stufe der individuellen Darstellung” fuhr Goehte fort, “beginnt auch zugleich dasjenige, was man Komposition nennet.”…


    Von Rückert schien Goethe viel zu halten: http://www.literaturcafe.de/cg…t_topic/f/5/t/001427.html und von seinem Freund Schiller http://www.literaturcafe.de/bo…t_topic/f/5/t/001595.html sowieso, Lord Byron und Shakespeare bewunderte er, die Nibelungen http://www.literaturcafe.de/bo…t_topic/f/5/t/001768.html wurden auch viel besprochen, weiteres wird sich bei fortschreitender Lektüre sicher nich zeigen…


    Goethes Feststellungen im Eintrag vom 25.02.1824:

    Zitat

    …Wer klug ist, lehnet daher alle zerstreuende Anforderungen ab und beschränkt sich auf ein Fach und wird tüchtig in einem…

    finde ich Gold wert, denn wie oft ist es gerade dieser Konflickt, besonders in unserer an Ablenkung so reichen Zeit, die das Schaffen überhaupt blockiert und unmöglich macht. Wie schwer finde ich es, dieser Aussage zu folgen. Auch die nächste Feststellung geistert seit vielen Jahren durch die Kunsttheorie und wird endlos diskutiert und ist doch nicht so leicht leben und zu erarbeiten:

    Zitat

    …”Wir Neueren”, fuhr er fort, “fühlen wohl die große Schönheit eines solchen, rein natürlichen, rein naiven Motivs, wir haben auch wohl die Kenntnis, den Begriff, wie es zu machen ware, allein wir machen es nicht, der Verstand herrschet vor, und es fehlet immer diese entzückende Anmut.”… “Mayer pflegt immer zu sagen,” fiel Goethe ein, “wenn nur das Denken nicht so schwer wäre! – Das Schlimme aber ist,” fuhr er heiter fort, “daß alles Denken zum Denken nicht hilft; man muß immer von Natur richtig sein, so daß die guten Einfälle immer wie freie Kinder Gottes vor uns dastehen und uns zurufen: da sind wir!”

    Hier muss ich unmittelbar an Martin Walser ( http://www.literaturcafe.de/cg…t_topic/f/5/t/001302.html ) denken…


    Schön fand ich auch folgende Feststellung vom 26.02.1824:

    Zitat

    ”Dadurch”, sagte er heute, bildet sich das, was wir Geschmack nennen. Denn den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten…”

    weiterhin seine Warnung am 29.02.1824, nicht leichtfertig zu verfahren und am Ende an der Manier zugrunde zu gehen, endend in der Feststellung:

    Zitat

    …”Die Manier” sagte Goethe, “will immer fertig sein und hat keinen Genuß an der Arbeit. Das echte, wahrhaft große Talent aber findet sein höchstes Glück in der Ausführung…


    Wirklich ein erstaunliches Buch!
    (Eckermann
    Gespräche mit Goethe
    it 500
    ISBN 3-458-32200-0
    17,50 Euro
    952 Seiten


    Doch damit vorerst genug…


    Grüße, FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Goethe äußerte sich Eckermann gegenüber auch über das Verhältnis von Religion und Kunst:

    Zitat

    …“Die Religion”, sagte Goethe, “steht in demselbigen Verhältnis zur Kunst wie jedes andere höhere Lebensinteresse auch. Sie ist bloß als Stoff zu betrachten, der mit den übrigen Lebensstoffen gleiche Rechte hat. Auch sind Glaube und Unglaube durchaus nicht diejenigen Organe, mit welchem ein Kunstwerk aufzufassen ist, vielmehr gehören dazu ganz andere menschliche Kräfte und Fähigkeiten. Die Kunst aber soll für diejenigen Organe bilden, mit denen wir sie auffassen; tut sie das nicht, verfehlt sie ihren Zweck und geht ohne die eigentliche Wirkung an uns vorüber. Ein religiöser Stoff kann indes gleichfalls ein guter Gegenstand für die Kunst sein, jedoch nur in dem Fall, wenn er allgemein menschlich ist…

    Goethe hatte wohl über alle Belange des menschlichen Lebens eine treffende Aussage parat. Ein weiser Mann, der nicht nur viel gelernt und erfahren, geschaffen und gewirkt hat, sondern es auch noch trefflich wiederzugeben vermochte. Kein Wunder, wenn Goethe noch heute einer der meistzitierten Geistesgrößen ist. Ein wahres Genie des Ausdrückens von Gedanken. Wenn dazu noch ein brillantes Gedächtnis wie Eckermann kam, so konnte der Nachwelt nichts verlorengehen. Also wusste Goethe, welches Gedächtnis er sich mit Eckermann nach Weimar holte? Ich wage festzustellen: JA. Sicher brauchte es jemanden wie Eckermann, dem Goethe die Zusammenstellung seines unveröffentlichten oder verstreut veröffentlichten Werkes anvertrauen konnte. Wusste Goethe von Eckermanns Tagebuch? Das habe ich bisher noch nicht erfahren und ich bin neugierig. Jedenfalls ist das Eckermannsche Buch ein echter Gewinn, soviel ist jetzt schon sicher. Über das, was es aussagt, kommt aber noch etwas, das nicht in dem Buche steht, das ich aber immer fühle – diese menschliche Atmospäre und diese bildliche Anschaulichkeit. Ein Buch, das mich völlig einnehmen kann, alles vergessen lässt und mir Höhepunkte der Lektüre vermittelt, die ich garnicht erwartet habe. Auch muss ich mein Vorurteil Eckermanns gegenüber als Sprachrohr Goethes korrigieren. Sicher, er gab vieles Wissen und Werten Goethes wieder und doch ist sein Buch mehr, zeigt es ein ungeheures handwerkliches Können. Wie sonst kann es soviel mehr vermitteln, so viel mehr sichtbar werden lassen, als was in ihm steht. In unserer Zeit kann ich mir nur wünschen, dass mehr Menschen dieses Buch für sich entdecken und mit Goethe und Eckermann auf Spaziergänge gehen und entdecken, wie schön die Welt ist und wie viel man in ihr entdecken kann. Doch genug, ich gerate wieder ins Schwärmen… Nietzsche hatte nicht ganz unrecht, dieses Buch “…das beste deutsche Buch, das es gibt.” zu nennen. Vielleicht sollte man dabei “das beste” als “eines der besten” verstehen… Grüße, FA


    (gleicher Beitrag im Literaturcafé und Klassikerforum)

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Hallo zusammen!


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Goethe äußerte sich Eckermann gegenüber auch über das Verhältnis von Religion und Kunst:


    An welchem Tag war das?


    Zum Verhältnis Goethe - Eckermann ist die Goethe-Biografie von Friedenthal, wenn ich mich recht erinnere, recht erhellend.


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo Sandhofer,


    entschuldige das Versäumnis, das Gespräch über Religion und Kunst erfolgte (nach Eckermann) am 2. Mai 1824.


    Ja, das Gespann Goethe-Eckermann ist sehr seltsam, ich denke auch darüber nach, wie es zustandekam und besonders, wie es so innig und langdauernd werden konnte. Eckermann als Sohn Goethes, eine geistige Adoption, so möchte ich es zur Zeit glauben.


    Ich bin gespannt...


    Grüße, FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Hallo!


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Was hat Goethe wohl dazu getrieben Eckermann so an sich zu binden, ihm fast wie ein Vater zu sein? Es waren wohl mehr als dessen literarische Qualitäten, er muss den


    Vor einigen Jahren habe ich mich mal ausführlicher mit Eckermann beschäftigt. Eckermann war meiner Meinung nach für Goethe ein höriger "Arbeitssklave", der ihm für ein Butterbrot viel Arbeit abgenommen hat. Aus Eckermanns Perspektive hört sich das anders an, aber er war Goethe ja auch "verfallen" und der hat das gehörig ausgenutzt.


    CK

  • Mmm xenophanes... das ist aber kein schöner Gedanke und ich will ihn nicht von der Hand weisen (da ich einen kleinen Verdacht hatte). Aber wie dem auch sei, Eckermanns Buch hat doch noch seinen Lohn abgeworfen, mit ihm wurde Eckermann unsterblich und hat der Welt ein großes Werk hinterlassen. Was er davon zu seinen Lebzeiten hatte, kann ich aber nicht beurteilen, gelernt haben musste er aber von Goethe viel. Und so oft in dem Eckermannschen Buch zu Tisch gesessen wird, konnte Eckermann zumindest nicht verhungern, was aber auch nur ein kleiner Trost ist. Aber so ist es wohl nun einmal, wenn man von Gönnern abhängig ist...


    Dennoch, das prächtige Buch lohnt sich allemal.


    Grüße, FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Dennoch, das prächtige Buch lohnt sich allemal.


    Damit wir uns nicht missverstehen. Ich schätze das Buch auch sehr und werfe Eckermann nichts vor. Ich finde es allerdings von Goethe ziemlich schäbig, ihn so ausgenutzt zu haben.


    Umfangreichste Abhandlung über E.:


    Houben, Heinrich Hubert: J.P. Eckermann. Sein Leben für Goethe. 2 Bände. Teil 1: Leipzig 1925; Teil 2: Leipzig 1928.


    CK

  • Nein xenophanes, ich habe dich nicht missverstanden. Dem Eckermann verdanken wir ein großartiges Buch und der große Goethe hat sich wohl nicht ganz so groß verhalten, wie er es hätte tun müssen. Manchmal kam mir auch schon der Gedanke, dass Goethe Eckermann brauchte, als eine Art reflexives Medium, um seine Gedanken frisch zu halten, Dinge im Dialog durchzugehen und sich bestätigt zu sehen, in Dingen, die er tat. So zum Beispiel bei den Abschnitten mit der Farbenlehre kam mir dieser Gedanke, aber auch anderswo. Aber ich lese erst einmal weiter, vielleicht ergibt sich ja noch weiteres Gesprächsmaterial... Grüße, FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Hallo zusammen!


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Aber wie dem auch sei, Eckermanns Buch hat doch noch seinen Lohn abgeworfen, mit ihm wurde Eckermann unsterblich und hat der Welt ein großes Werk hinterlassen.


    Wobei er zu Lebzeiten und ganz materiell gedacht praktisch nichts davon hatte.


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Und so oft in dem Eckermannschen Buch zu Tisch gesessen wird, konnte Eckermann zumindest nicht verhungern, was aber auch nur ein kleiner Trost ist.


    Nun, auf die vielen Jahre ihrer Bekanntschaft gerechnet, ist das auch nicht mehr viel. Und spätestens nach Goethes Tod, als sich die gesamte Weimarer Gesellschaft um Eckermann foutierte, war seine Situation alles andere als rosig und er wird wohl im wahrsten Sinne des Wortes nicht weit vom Verhungern gewesen sein.


    Ich denke schon, dass man mit Fug und Recht sagen kann, dass Goethe den jungen Mann nach Strich und Faden ausgenützt hat. Er hat ihn auf seine Person, seine Art zu denken, zu schreiben und zu sein eingeschworen - eine Art, die mit seinem Tod völlig obsolet wurde. Alle übrigen aus Goethes Entourage konnten sich abseilen, nur Eckermann blieb gar nichts; wenn ich mich recht erinnere, nicht einmal eine gut-bürgergliche Ausbildung, aufgrund derer er einen "Job" hätte finden können.


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo!


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Manchmal kam mir auch schon der Gedanke, dass Goethe Eckermann brauchte, als eine Art reflexives Medium, um seine Gedanken frisch zu halten, Dinge im Dialog durchzugehen


    Da brauchte er Eckermann aber auch nicht als Individuum, sondern nur als eine Art Bestätigungs-Gesprächstherapeut, der beliebig austauschbar gewesen wäre.


    sandhofer: Stimme völlig zu, das war quasi eine Art Gehirnwäsche, die Goethe an E. vollzog.


    CK

  • Hallo Sandhofer und xenophanes,


    Ich werfe ein wenig neuen Gesprächstoff in diesen Ordner:


    Ich habe den Eindruck, dass die meisten Begegnungen zwischen Eckermann und Goethe auf Veranlassung Goethes zustandekamen und auch die Dauer von Goethe festgelegt wurde, als ob Eckermann gar nicht die Wahl hatte… Trafen sie sich jemals in Eckermanns Wohnung/Stube? Das hätte ich spätestens bis jetzt erwartet. Aber das will ich vorerst auf sich beruhen lassen… Ansonsten scheint mir eure Feststellung der Gehirnwäsche getroffen. Darüber hinaus beeinflusste Goethe Eckermann bei der Wahl von Tätigkeiten, wie zum Beispiel Theaterbesuchen, die Ablehnung der Mitarbeit über deutsche Literatur bei einer englischen Zeitung usw. Eine totale Kontrolle über Eckermann?


    Goethe sprach am 18.01.1825 sehr anerkennend über Wieland ( http://www.literaturcafe.de/bo…bb.php?/topic/5/1812.html ) und dessen Verdienste. Sollte ich Wieland versuchen zu entdecken? Welches wäre ein unbedingt von ihm zu empfehlendes Werk? (Entschuldigt die Links zum Leitraturcafé, ich hatte es ursprünglich dafür geschrieben, aber hier komme ich zumindest ins “Gespräch” – mit euch beiden, was mich sehr freut.)


    Über Schillers Briefe äußerte sich Goethe wie folgt:

    Zitat

    …Seine Briefe sind das schönste Andenken, das ich von ihm besitze, und sie gehören mit zu dem Vortrefflichsten, was er geschrieben. Seinen letzten Brief bewahre ich als ein Heiligtum unter meinen Schätzen…

    Schon wieder bin ich neugierig, diesmal auf den Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller. Bisher hielt ich mit mit Briefausgaben eher zurück, aber nachdem mir die Briefe Fontanes, die Briefe Nietzsches, die Briefe Benns and Oelze usw. so angeraten wurden, ich selbst den Briefwechsel zwischen Hermann Hesse und Thomas Mann sehr schön fand, scheint der Briefwechsel von Literatur-Klassikern ein bisher von mir unterschätztes weites Feld zu sein. Briefwechsel zwischen solchen Geistesgrößen geben sicher viel bisher unbekanntes Denken preis und lassen uns vertraut gewordene Klassiker sicher in einem neuen Licht erscheinen. Sollte man aber zum Beispiel den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe lessen, bevor man deren Werk gründlich kennt? Bei Hermann Hesse hielf es mir. Aber das nur so am Rande… Kennt ihr beiden Großklassiker den Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller?


    Was Goethe Eckermann gegenüber an weisen Rat und Belehrung äußerte, scheint er zumindest selbst so gelebt und erarbeitet zu haben. Diese Konsequenz und Ehrlichkeit an sich selbst bewundere ich an Goethe, wenn auch sonst nicht viel Gutes bleibt, wenn ich an Eckermanns “Schicksal” denke. Besonders deutlich wird dies in dem besonders tiefgehenden und langen Gesprächen des 20. Aprils 1825. Aber dass Goethe nicht nur selbst nach seinen Maximen lebte, sondern sie auch anderen aufdrängte ist dann wieder negativ. Goethe war also Eckermann keine Vater-, sondern eine Übervaterfigur…


    Den alten Kant ( http://www.literaturcafe.de/cg…t_topic/f/5/t/001445.html ) schien Goethe auch nicht ohne eigenen Gewinn gelesen zu haben. Würde ich jetzt auch noch Kant lesen wollen, ich würde mich heillos verzetteln. Ich versuche mich zur Zeit zu begrenzen, ich bin etwas in die Viel-gleichzeit-Leserei abgedriftet. Ich muss mir das für später, viel später vorbehalten… Überhaupt lehrt mich das Eckermannsche Buch, mich zu begrenzen, langsamer zu lesen, inniger, nicht so viel durcheinander. Man muss sich Prioritäten setzen, wie wahr!


    Dann stoße ich wieder auf einen Namen, bei dem ich allein schon in der Erinnerung an Lessings Laokoon verweilen muss: Winckelmann…


    Deshalt vorerst genug für heute. FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Hallo zusammen!


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Ich habe den Eindruck, dass die meisten Begegnungen zwischen Eckermann und Goethe auf Veranlassung Goethes zustandekamen und auch die Dauer von Goethe festgelegt wurde, als ob Eckermann gar nicht die Wahl hatte…


    Das deckt sich mit meinen Erinnerungen. Goethe war der dominante Partner in dieser Beziehung.


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Eine totale Kontrolle über Eckermann?


    Könnte man wohl so sagen. Und dennoch sind die Gespräche ein wunderbares Buch. Als Goethe-Liebhaber kann man nur froh darüber sein, als Mensch schaudert man ein bisschen vor den Tiefen des Goethe'schen Charakters zurück.


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Sollte ich Wieland versuchen zu entdecken?


    Ja.


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Welches wäre ein unbedingt von ihm zu empfehlendes Werk?


    Ich habe zu Wieland über die Geschichte der Abderiten gefunden.


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Kennt ihr beiden Großklassiker den Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller?


    Wenn Du mich damit mit meinst: ja. M.M. äusserst empfehlenswert, man versteht aber Goethe oder Schiller selbstverständlich auch ohne. Vor allem, da vieles halt dann offenbar doch unter vier Augen besprochen wurde bei den gegenseitigen Besuchen. Wer einen menschlicheren Goethe kennenlernen möchte, dem würde ich den Briefwechsel mit Zelter empfehlen. Zelter war vielleicht der einzige, der sich von Goethe nicht unterbuttern liess und ihm dennoch äusserst freundschafltich gesinnt war, einer der einzigen (oder gar der einzige?), den Goethe im späteren Alter noch duzte.


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Den alten Kant [...] schien Goethe auch nicht ohne eigenen Gewinn gelesen zu haben.


    Goethe, der philosophischer war, als er es oft selber wahrhaben wollte, hat Kant allerdings auf sehr eigene Weise assimiliert.


    Zitat von "Friedrich-Arthur"

    Winckelmann…


    Ebenfalls eine Lektüre, die lohnt, wenn man die deutsche Klassik "erobern" will.


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

  • Hallo!


    Zitat von "Friedrich-Arthur"


    Ich werfe ein wenig neuen Gesprächstoff in diesen Ordner:


    Und lenkst mich damit von meinem Broterwerb ab :breitgrins:


    Zitat von "Friedrich-Arthur"


    die Wahl hatte… Trafen sie sich jemals in Eckermanns Wohnung/Stube?


    Das kann ich mir nicht vorstellen. Das wäre unter Goethes Würde gewesen. Totale Kontrolle würde mich bejahen, bei einer totalen Abhängigkeit ist das ja oft so.


    Zitat von "Friedrich-Arthur"


    Rande… Kennt ihr beiden Großklassiker den Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller?


    Das klingt jetzt vermutlich etwas pathetisch, aber für mich ist dieses Buch eines der besten, das die deutsche Literatur hervorgebracht hat. Es ist wunderbar geschrieben, ungewöhnlich intelligent und ausgesprochen erhellend was die Ästhetik der deutschen Klassik angeht. Sollte ich dringend bald wieder mal lesen :smile:


    Zitat von "Friedrich-Arthur"


    Den alten Kant ( http://www.literaturcafe.de/cg…t_topic/f/5/t/001445.html ) schien Goethe auch nicht ohne eigenen Gewinn gelesen zu haben. Würde ich jetzt auch noch Kant lesen wollen, ich würde mich heillos verzetteln. Ich versuche mich zur Zeit zu begrenzen, ich bin etwas in die Viel-gleichzeit-Leserei abgedriftet.


    Kant wäre jedenfalls ein Großprojekt. Goethe hatte generell ein Problem mit (zu) abstrakten Denken. Das liegt meiner Meinung nach an einem großen Manko in Goethes Ausbildung: Von Mathematik hatte er nie die geringste Ahnung und wurde darin auch nie unterrichtet (sieht man mal von niederen Rechenkünsten ab). Deshalb konnte er auch mit der zeitgenössischen Physik nichts anfangen, ihm fehlte das mathematische Rüstzeug dazu. Dieses fehlende Abstraktionsvermögen fehlte ihm dann auch philosophisch.


    CK

  • Hallo zusammen,
    die Kritik an Goethe kann ich hier nur halb nachvollziehen. Natürlich war das Verhältnis zwischen Goethe und Eckermann nicht ein Verhältnis von Gleichgestellten. Eckermann hat den verehrten Goethe aufgesucht und seine Dienste angeboten - auch wenn er nicht offiziell sein Sekretär wurde, war ihr Verhältnis doch ähnlich. Und Goethe hat sich durchaus bemüht, Eckermann gut bezahlte Tätigkeiten zu vermitteln, z.B. als Prinzenerzieher für Carl Alexander. Außerdem wurde Eckermann an den Einkünften aus Goethes Nachlaß beteiligt. Also ganz so herzlos und ausbeuterisch wie er hier dargestellt wird sehe ich Goethe nicht.


    Viele Grüße,
    R.

  • Hallo!


    Zitat von "Roquairol"


    wurde, war ihr Verhältnis doch ähnlich. Und Goethe hat sich durchaus bemüht, Eckermann gut bezahlte Tätigkeiten zu vermitteln, z.B. als Prinzenerzieher für Carl Alexander. Außerdem wurde Eckermann an den Einkünften aus Goethes Nachlaß beteiligt.


    Kannst du das irgendwie quantifizieren? Hofmeisterstellen waren doch in der Regel alles andere als gut bezahlt.


    CK

  • Hallo,
    die genauen Zahlen habe ich leider nicht - da müsste man wohl in Weimar recherchieren.


    Gruß,
    R.

  • Mir will Goethe nicht als rein egoistisch erscheinen. Bei der weiteren Lektüre (bis zum tragischen Ablauf der Italienreise von Goethes Sohn und Eckermann) bleibt mein Eindruck einer eigentümlichen Vater-Sohn-Beziehung bestehen. Beide bleiben sich gewogen und Goethe versucht Eckermann zu fördern, was deutlich seine Prägung in dem langen Brief Eckermanns an Goethe vom 12. September 1830 aus Genf bezeugt. Dass Goethe einer frühen Veröffentlichung des Eckermannschen Manuskripts nicht zustimmt (sozusagen zu Goethes Lebenszeiten?), finde ich verständlich, er bietet aber seine Hilfe bei der Durchsicht an und schien ja letztendlich dann sein Ja-Wort gegeben zu haben...


    Auf jeden Fall ist es ein weiterhin sehr spannendes Buch!


    Grüße, FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

  • Nach dem Tod des eigenen Sohnes in Italien nahm der alte Goethe den nach Weimar heimgekehrten Eckermann in seine Arme. Welch eine menschliche und herzliche Geste. Fast möchte ich an die Heimkehr eines verlorenen Sohnes glauben. Das Buch nimmt an Spannung zu und auch die sich emanzipierenden Beiträge Eckermanns machen es noch wertvoller. Eckermanns eigenen Reflexionen, stehen den an Goethe geschulten kaum nach. Sicher lässt sich der geistige Vater nicht verleugnen, aber 1830/1931 hat Eckermann eine eigene hohe geistige Reife erlangt, um die ich ihn beneide, im positiven Sinne. Ein überaus lehrreiches Buch! Grüße, FA

    Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig. - Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10