Erörterung: Elisabeth als „schönen Charakter“
In Goethes klassischem Drama „Iphigenie auf Tauris“ befindet sich Iphigenie in einem Konflikt zwischen Neigung und Vernunft.
Schiller verfasst eine Definition des „schönen Charakters“, bei dem sich Triebe (Neigung) und Moral (Vernunft) im Einklang befinden. Diese Harmonie wird durch Geistesfreiheit erreicht und durch Anmut und Würde ausgedrückt.
In „Don Karlos“ benutzt Schiller die Figur des Marquis von Posa dazu, Aussagen über die Königin Elisabeth zu machen. Sie wird von Posas Standpunkt heldenhaft, stolz und ohne Fehl dargestellt. Das lässt auf einen Ausdruck von Harmonie des „schönen Charakters“ schließen. Bei genauerer Untersuchung von Elisabeths Handeln zeigt sich, dass sie zu Beginn ihre Gefühle in den Hintergrund stellt. Sie hat beispielsweise Angst davor, mit Carlos entdeckt zu werden, als Posa ein Treffen zwischen den beiden arrangieren will: „er wird doch nicht –“ (V. 625) und „strafbare tollkühne Überraschung! [...] Wir sind entdeckt.“ (V. 628) Im Laufe des Dramas verändert sich Elisabeth jedoch. Durch Carlos und insbesondere Posa wird sie dazugebracht, auf ihre eigenen Gefühle, der „Stimme des Triebes“, zu hören. Durch ihr Auftreten verhindert sie den Zweikampf zwischen Carlos und Alba. Dabei wird sich Elisabeth über ihr Verhältnis zu Carlos bewusst. Als Posa ihr Carlos’ Briefe übergibt, äußert die Königin offen ihre Neigung: „Wird es ihn glücklich machen, / Wenn er mit seinen Augen sieht, dass ich / Es auch nicht bin?“ (V. 3450-3452) Posa berichtet der Königin von seinem Plan, Carlos nach Brüssel zu schicken um dort Flandern die Freiheit zu geben. Elisabeth zögert nur kurz („Der Plan, den Sie mir zeigen, / Erschreckt und - reizt mich auch zugleich.“), lässt sich dann auf Posas Plan ein: „Königin (mit Lebhaftigkeit): 'Nein. Die Idee ist groß und schön - Der Prinz / muß handeln. Lebhaft fühl ich das.'“ (V. 3491) Das zeigt, dass sich ihre „Triebe“ mit ihren Moralvorstellungen decken. Das wird noch einmal deutlich, als Elisabeth dem König ohne Scham erzählt, dass ihre Schatulle, die erbrochen wurde, Briefe von Carlos enthielten.
Beim nächsten Treffen mit Posa erkennt Elisabeth, dass der Marquis für seinen Freund Carlos sterben würde. Posa sieht keine andere Möglichkeit, das „Traumbild eines neuen Staates“ zu verwirklichen, als in seinem Tod, der Carlos die Flucht ermöglichen soll. Hier treten zum ersten Mal Zweifel seitens Elisabeths an Posas Plänen zum Vorschein: „Marquis, / Ihr Freund erfüllte Sie so ganz, dass Sie / Mich über ihm vergaßen. [...] Das überlegten Sie wohl nicht, wieviel / Für unser Herz zu wagen ist, wenn wir / Mit solchen Namen Leidenschaft veredeln.“ (V. 4342 f.) Sie fühlt sich in ihren Gefühlen verletzt, verspricht ihm aber, der Liebe Vorzug zu geben: „Mein Herz, / Versprech ich Ihnen, soll allein und ewig, / Der Richter meiner Liebe sein.“ (V. 4374)
In der letzten Szene des Dramas verleiht Schiller der Königin tragische Züge: Gefühle und Vernunft befinden sich jetzt bei ihr im Einklang: „Ich will vor Menschheit nicht mehr zittern, / Will einmal kühn sein, wie ein Freund. Mein Herz / Soll reden.“ (V. 5305-5308) Insofern sehe ich die Figur Elisabeth als „schönen Charakter“. Aber ihr Bemühen ist zum Scheitern verurteilt. Carlos wird der Inquisition übergeben. Die Königin ist hilflos und fällt in Ohnmacht.