"Eine zu Unrecht vergessene Schriftstellerin" ist ein Artikel von Werner Haupt über Gabriele Reuter übertitelt. Danach hat zum Beispiel Thomas Mann die 1859 geborene Frau Reuter bezeichnet als "vielleicht souveränste Frau, […] moderner als alle streitbaren Frauenzimmer der Neuzeit“.
Frau Reuters Roman "Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens" erschien 1895 und wurde ein Bestseller. Er erzählt die Lebensgeschichte der jungen Agathe, die behütet in einer gutbürgerlichen Familie aufwächst und - darin erfüllt sich ihr Schicksal - nicht heiratet. Sie ist weder dumm noch hässlich, es ergibt sich nur einfach nicht. (Einen jungen Mann, der in sie verliebt ist, weist sie zurück, weil sie selbst von einer aussichtslosen Schwärmerei für einen Maler befallen ist - ein anderer möglicher Kandidat zieht seine Werbung zurück, als er erfährt, dass sie nicht so reich ist, wie er erhoffte.) Agathes Problem ist aber weniger ihr "Altjungferntum", sondern der Umstand, dass sie noch mit über dreißig Jahren, als sie längst den Haushalt der alten Eltern selbstständig führt, noch immer als "Mädchen" angesehen wird. Weder ihren persönlichen Umgang noch auch nur ihre Lektüre darf sie selbst wählen, jegliche eigene und kritische Meinung wird als Äußerung eines Kindes belächelt. Der Roman ist recht traurig, aber lebhaft und stilistisch meisterhaft erzählt. Man kann ihn beim Gutenberg-Projekt runterladen. Dort gibt es u.a. von Frau Reuter noch "Das Tränenhaus", das mir allerdings nicht so gefallen hat. "Das Tränenhaus" handelt zwar von einer Art Geburtshaus für gefallene Mädchen und gibt sich als Emanzipationsroman, fällt aber, verglichen mit "Aus guter Familie", etwas maniriert und allzu didaktisch aus.