Hallo zusammen!
Neulich habe ich - zum ersten Mal seit Jahren - wieder einmal einen Platon'schen Dialog hervorgekramt, und zwar den oben genannten Laches. Er ist einer der frühesten, wenn nicht der früheste Dialog, den Platon geschrieben hat.
Im diesem Dialog haben wir folgende Ausgangslage: Zwei athenische Väter haben soeben einen Fechtmeister besucht, um festzustellen, ob dessen Unterricht für ihre Söhne taugt. Um eine „second opinion“ einholen zu können, haben sie zwei bekannte Feldherren mitgeschleppt, Laches und Nikias. Die Väter, sie heissen übrigens Lysimachos und Melesias, sind ihrerseits Söhne und zwar die Söhne der berühmten Feldherren Aristides und Thukydides. Zum Zeitpunkt, als Platon seinen Dialog veröffentlichte, war jedem Leser nur allzu deutlich bewusst und in Erinnerung, dass jene beiden Feldherren, Laches und Nikias, wenige Jahre später, gegen ihren Willen vom Volk gezwungen wurden, zusammen mit dem ehrgeizigen und unvorsichtigen Alkibiades jenen Eroberungsfeldzug in Sizilien zu leiten, der für die Athener so schmählich enden sollte: das Heer inklusive der nachgeschickten Entsatzungstreitkräfte praktisch völlig aufgerieben, die beiden Feldherren ruhmlos auf der Flucht getötet, Athens Vorherrschaft auf dem Peloponnes futsch, die Stadt unter spartanischer Besatzung und Regierung. Sokrates wegen staatsgefährdender Umtriebe zum Tode verurteilt – einer der Anklagepunkte seine Freundschaft zu ebendiesem Alkibiades.
Die Väter in diesem Dialog, Lysimachos und Melesias, sind deshalb so auf eine gute Erziehung ihrer Söhne bedacht sind, weil sie selber glauben, in dieser Beziehung zu kurz gekommen zu sein. Ob ihrer Sorge für den Staat haben Aristides und Thukydides die Sorge für ihre Söhne vergessen. Ein kleiner Tritt ans Schienbein des athenischen Patriotismus, ein kleiner Tritt ans Schienbein der athenischen Heldenverehrung.
Es folgt der Auftritt Sokrates’, von dem – nicht nur in diesem Dialog – immer wieder gesagt wird, wie tapfer auch er im Krieg gekämpft habe, allerdings als gewöhnlicher Soldat.
Ein Setting, wie es raffinierter nicht hätte ausgedacht werden können: Im Hintergrund muss als Folie der charismatische, aber auch opportunistische Alkibiades gedacht werden – moralisch nicht über jeden Zweifel erhaben. Dann die zwei Feldherren, von denen das Publikum bereits weiss, dass sie kurze Zeit später sinnlos, aber tapfer, zu Grunde gehen würden, des weiteren die Söhne zweier tapferer Feldherren und last but not least Sokrates, auch er als tapferer Soldat beschrieben. Denn, davon wird dieser Dialog nun handeln: Was ist Tapferkeit?
Dass dieser Dialog nun davon handelt, ist alleine das Verdienst des Sokrates. Zufällig vorbeikommend, wird er von den vier Männern hinzugerufen und reisst die Gesprächsführung rasch an sich. Sehr schnell geht Sokrates von der Frage, ob nun dieser Fechtmeister etwas tauge über zur Frage, wozu der Fechtunterricht gut sein soll. Wie bei der vorliegenden Personenkonstellation nicht anders zu erwarten, wird geantwortet: „Um einen tapferen Bürger zu haben.“ Damit hat Sokrates seine Leute dort, wo er will. „Was aber nennen wir ‚tapfer’?“, ist seine logische Gegenfrage.
Und der Feldherr Laches wird ihm wie selbstverständlich antworten: „Einen Soldaten, der mit dem Schwert in der Hand vorwärts schreitend kämpft.“ – „Mein Fehler“, wird Sokrates antworten, „ich habe zu wenig genau gefragt. Wirst du einen phrygischen Reiter nicht auch tapfer nennen, der vor dem Feind flieht und dabei nach rückwärts Pfeile verschiesst?“ (Anmerkung der Redaktion: Es war bei den Phrygiern eine beliebte Taktik, zum Schein zu fliehen, im gegebenen Moment aber umzudrehen und die verfolgende Armee sozusagen ins offene Messer laufen zu lassen. Ende der Anmerkung.) Der Feldherr muss Sokrates dies selbstverständlich noch zugeben und muss ihm noch verschiedene andere Dinge zugeben, bis er endlich versteht, dass es nicht um jeweils spezifische Beispiele von tapferem Verhalten geht, sondern dass Sokrates etwas Allgemeines im Sinne hat, das er sucht. Die ganzen Antworten des Feldherrn, der ja kein Dummkopf war, zeigen klar, dass diese Idee einer allgemein gefassten Tapferkeit, einer abstrakten Definition, wie wir heute sagen könnten, für damalige Verhältnisse etwas ganz Neues war.
Doch damit begnügt sich Sokrates nicht. Er macht das schöne neue Spielzeug nämlich gleich wieder kaputt. Er fragt und fragt und fragt, und beide Feldherren versuchen, ihm Antwort zu geben, was denn nun Tapferkeit sei. Was ist das Résumée, das Sokrates zieht: „Wir haben also nicht gefunden, o Nikias, was Tapferkeit ist?“
Man hat, iirc, mal gesagt, Sokrates hätte die Kritik ins abendländische Denken eingeführt. Ich möchte präzisierend sagen, dass Sokrates’ Kritik nicht nur die vielbeschworene „konstruktive Kritik“ war, sondern in vielem auch eine destruktive.
So etwas ist gefährlich; und es grenzt fast an ein Wunder, dass Sokrates 70 Jahre alt werden konnte, bevor man ihn vor Gericht verklagte.
Doch dies nur nebenbei. Was mich am meisten fasziniert an diesem frühen Stück Platons ist, wie zwar das Philosophische noch sehr wenig Platon und noch sehr viel Sokrates zu sein scheint - vor allem aber, wie das Setting sehr raffiniert und mit literarischem Geschick aufgebaut wird. Und zwar mit sehr subversivem Geschick: Zwei Feldherren, deren Tapferkeit nur zum sinnlosen Tod reichte, zwei Söhne, die sich von ihren Vätern ob deren tapferem Einsatz fürs Vaterland vernachlässigt fühlten, als nie genannte Hintergrundfolie Alkibiades, der direkt oder indirekt beiden Feldherren und dem Sokrates zum Verderben werden sollte und selber bei aller persönlichen Tapferkeit wohl eher ein Charakterlump gewesen zu sein scheint ...
Ich hatte so richtig den Eindruck, hier schreibt ein Platon, der noch nicht weiss, ob er nun Philosoph oder Dichter werden sollte und deshalb mal so geschrieben hat, dass ihm noch beide Wege offen standen.