Dezember 2007 - Max Brod: Tycho Brahes Weg zu Gott

  • Guten Morgen


    Hiermit eröffne ich also offiziell die Leserunde - eine Leserunde in engem Rahmen, aber dies wird dem Werk hoffentlich nicht zum Schaden gereichen.


    Ich habe das erste Kapitel gelesen.
    Die Wortwahl ist recht reichhaltig, was dem Lesegenuss förderlich ist, der Satzstil nicht weiter auffällig: Weder einfach, noch hochkompliziert - einfach lesbar...


    Geht es nur dem Hofarzt so oder auch Max Brod, dass er gerne ambivalente Äusserungen macht? - Der Arzt gibt als Gegenpol zu Tengnagel ein eher problematisch, düsteres Bild von Tycho Brahe (der selbst im ersten Kapitel noch nicht direkt auftritt). Max Brod schildert seinerseits Kepler als eine zweifelhafte Persönlichkeit: Vollkommen in der Arbeit aufgegangen, bleiben ihm für den persönlichen Umgang, für das Leben an sich, keine Fähigkeiten mehr übrig. Schon fast ein klischeehafter, weltfremder Wissenschaftler.


    Mit Interesse und Spannung sehe ich der weiteren Lektüre entgegen



    Grüsse
    alpha

    Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig! <br /><br />Thomas Mann

  • Guten Abend!



    Ja, die Lektüre wird mit Sicherheit spannend. Neben der Frage nach dem weiteren Handlungsgang ist natürlich interessant, wie Max Brod den historischen Roman in Angriff nimmt. Deinen Beobachtungen zum ersten Kapitel kann ich nur zustimmen.
    Es ist geschickt, Tycho Brahe noch nicht sofort ins Spiel zu bringen (ohnehin ein Tipp für Literaten, den Helden erst in Außenperspektiven darzustellen; vgl. Wallenstein bei Schiller oder die Figur des Goethe in Thomas Manns „Lotte in Weimar“…). Damit wird Neugierde erzeugt und eventuell auch Sympathie für die künftige Hauptfigur. Denn ein nicht ganz uneigennützig motivierter Gerechtigkeitsreflex lässt uns ja auch im Alltag gerne die Urteile über abwesende Personen skeptisch beäugen -behaupte ich jedenfalls einmal.
    Die von Dir angesprochene Ambivalenz ist interessant. Sie scheint in der Tat Erzählprinzip zu sein. Um es etwas salopp zu sagen: Mit dieser Ambivalenz werden dem Leser Perspektiven auf den zeitgeschichtlichen Hintergrund untergejubelt:
    Ganz unaufdringlich erfährt er aus einem der Widerspruchsreden des Hofarztes etwas über die politische Situation der erzählten Welt – wodurch eine geschichtliche Belehrung durch den Erzähler eingespart wird, welche der Leser vielleicht als Unterbrechung der erzählten Handlung empfunden und mithin als Langatmigkeit wahrgenommen hätte. An anderer Stelle ergibt sich aus dem Gesprächswiderspruch ganz organisch ( <= um es mit einem etwas ideologischen Bild zu sagen) der Gegensatz zwischen religionsrivalisierender Tagespolitik (sowie deren Alltagsnöten) und dem Glanz der erwachenden naturwissenschaftlichen Zuversicht – durch welchen das Zeitalter ja geprägt war. Hierzu vielleicht später einmal etwas mehr.


    Alles Gute! Auch ich bin auf die weitere Lektüre gespannt!



    Grüße,
    Anton Thalberg

  • Die Ambivalenz nimmt in den folgenden zwei Kapiteln eher noch zu:


    Tycho Brahe wird als ein bodenständiger Mensch geschildert (er scheut sich nicht, auch selbst Hand anzulegen), der sich jedoch selbst, bzw. seine Umgebung vergessen kann und somit sich und den anderen peinliche Momente durchaus nicht erspart. Hinzu kommt, dass er sich vom Leben gekränkt fühlt, ("... dass wir Menschen überhaupt zum Unglück geboren sind") irgendwie unverstanden von seiner Umwelt, nicht vollständig akzeptiert, er scheint mir zuinnerst eher unglücklich, weshalb er sich an Erinnerungsstücke und Sinnsprücke klammert.


    Ganz im Gegensatz zu Brahe wird Kepler zwar als weltfremd geschildert, doch andererseits "jenes unbegreiflich Überlegene und einfach "Richtige" [...], das von Keplter auging." - Weshalb sich die Beziehung zwischen Brahe und Kepler möglicherweise nicht ganz einfach gestalten wird: Brahes Bedürfnis nach einem Schüler, dem er sein ganzes Wissen weitervermitteln kann auf der einen Seite, auf der anderen Seite jedoch die Selbstverständlichkeit mit der Kepler Tychos Bemühen um ihn aufnimmt, welche damit übereinstimmt, dass Brahe sich um Kepler mehr bemüht als von einem normalen Lehrer-Schüler Verhältnis zu erwarten ist: Dass der Lehrer den Schüler verehrt und herbittet, das ist doch zumindest die Ausnahme!


    Und auch Tengnagel ist nicht ein völlig eindeutiger Charakter: Zwar völlig unverstellt, doch seiner Natur völlig ergeben: Einerseits sehr berechnend in all seinen Taten, andererseits hat er auch das Bedürfnis danach, dass diese seine Berechnungen und sein Machtanspruch nicht als solche empfunden werden, sondern als Menschenliebe!


    Auf die Entwicklung der Persönlichkeit der Tocher Elisabeth Brahe bin ich sehr gespannt, diese scheint ja als eine verhältnismässig starke, andere Personagen durchschauende Person angelegt zu sein.



    Grüsse
    alpha

    Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig! <br /><br />Thomas Mann

  • Da ich momentan gerade ein wenig mehr Freizeit habe als sonst, geht die Lektüre rasch voran, die Ereignisse überstürzen sich und die Weiterentwicklung von Brahe ist wenig erfreulich, meiner Meinung nach:

    Zitat

    Gut, so lasse ich sie eben in ihr Verderben stürzen, da ich sie mit Aufbietung aller Kräfte nicht halten kann. Ich aber folge dir, Kepler. Du bist jetzt mein Vorbild, mein Lehrer, ich bin der Schüler. Frei will ich sein wie du, unklug, blind, bewusstlos, nur für unsere Kunst leben und für nichts anderes in der Welt.


    So spricht schon eher ein Rasender... - Woher diese Leidenschaft/Raserei kommen mag, ist mir noch unklar.


    Was mir auffällt: Ich habe nur wenig Erfahrung mit historischen Romanen, kenne jedoch z.B. solche von Heinrich Mann. - "Tycho Brahes Weg zu Gott" ist mir bisher wesentlich angenehmer zu lesen als H. Manns Romane, wobei ich anmerken muss, dass ich die Henri IV noch nicht kenne...


    Was ich später noch diskutieren möchte: Inwiefern spielt Franz Kafka eine wichtige Rolle in diesem Roman? - Was darf man herauslesen, was ergibt sich zufällig? - Oder ist Kafka nur die Widmung geweiht und hat er sonst keinen Anteil an dem Roman?



    Grüsse
    alpha

    Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig! <br /><br />Thomas Mann

  • Guten Tag!


    Meine Freizeit ist momentan leider eher begrenzt. Ich habe erst die ersten drei Kapitel gelesen. Hier rasch ein paar Eindrücke, am Abend hoffentlich noch ein paar Überlegungen mehr.


    Mir ist aufgefallen, dass die Nebenfiguren bereits an dieser Stelle deutlich konturierte Charaktere bilden. Die Zusammenkunft auf dem Schloss gerät beim Abendessen fast schon zu einer menschlichen Versuchsanordnung. Tycho erscheint dabei als humanistisch geprägter Geist, dessen Lebensaufgabe letztlich darin besteht, das eigene Gleichgewicht zu halten und dem Leben SINN abzugewinnen. Er erinnert dabei ein wenig an Montaigne, der mit Sinnsprüchen an den Dachbalken seines Wohnturms (... in welchen sich M. vor der eigenen Familie flüchtete!) versucht, die als bedeutend erkannten Weisheiten buchstäblich im Blick zu behalten. Tychos Lebenserfahrung ist die des Barockmenschen, der sich angesichts der Vergänglichkeit (hier: der Vergänglichkeit der förderlichen Arbeitsbedingungen und guten Lebensumstände) in stoischem Gleichmut übt. Ich musste bei der Lektüre außerdem an das berühmte Sonett Paul Flemings denken ("An sich"), in dem sich ein lyrisches Ich selbst Mut zuspricht. Alpha, soll ich das Sonett hier einmal wiedergeben? Ich finde, es passt gut zum brodschen Tycho.
    Übrigens: Zu Kepler habe ich auch noch etwas zu sagen. Mir geht es mit ihm, glaube ich, ähnlich wie Dir. Dann bleibt also auch die Spannung, was aus Keprler noch wird.



    Alles Gute,


    Anton Thalberg

  • Guten Tag!


    Vielen Dank für das Sonett!


    Bevor ich den letzten Teil des Buches auch noch gelesen haben werde, möchte ich noch etwas schreiben...


    Die ganze Geschichte scheint mir aus lauter Gegensätzen aufgebaut zu sein, Gegensätze, die sich z.T. gegenseitig anziehen wie z.B. Jeppe und Brahe oder Elisabeth von Tengnagel, sich jedoch auch gegenseitig abstossen können, z.B. kann Tengnagel Keppler überhaupt nicht leiden, wobei noch nicht völlig klar ist, ob dies nur eigennützige Gründe hat oder auch einseitig anziehen können wie Brahe sich zu Kepler hingezogen fühlt, ohne dass jener diese Gefühle erwiedern würde.
    Aber die Personen sind nicht nur als solche Gegensätze zueinander, sie sind vielmehr auch selbst voller Gegensätze: Der weltfremde Keppler, der dennoch immer das richtige sagt und dessen scheinbare allgemeine Unempfindsamkeit in einzelnen Fällen plötzlich durchbrochen wird. Von der inneren Zerrissenheit Brahes selbst ganz zu schweigen!
    Auch ein schöner Gegensatz bilden die verschiedenen Betrachtungsweisen untereinander, wie die Berufung Brahes nach Prag in die Nähe des Kaisers zu bewerten sei.
    Die Entwicklung Elisabeths nahm eine andere Wendung als ich erwartet hatte, ihre Liebe zu Tengnagel bestimmt sie dermassen, dass sie eine mögliche Schlüsselrolle nicht mehr zu erfüllen mag.
    Was mich erstaunte: Wie ruhig Brahe den Tod Jeppes akzeptierte, zum einen reagiert er auf andere unglückliche Fügungen viel impulsiver und zum anderen gab es ja die Weissagung, dass er selbst auch nicht mehr lange zu leben habe, wenn Jeppes Tod gekommen sei. - Und im Allgemeinen scheint mir Brahe relativ abergläubisch, weshalb ich mich weniger gewundert hätte, wenn er jetzt vermehr an seinen Tod denken würde.


    Zwei Zitate möchte ich zuletzt noch anfügen:

    Zitat

    [Keplers] makellose Reinheit ist es eben, die uns Sündern in die Augen sticht, und so möchten wir ihn gern zum Sündenbock für unsere Fehler machen. Doch es scheint mir nun wirklich, dass wir alle den guten Kepler überschätzt haben [...] Kepler ist nichts ausser uns, wie ich es jetzt verstehe, nein jeder von uns hat seinen Kepler in sich und hat gegen ihn, gegen seinen inneren Kepler, die härteste Seelenprobe zu bestehen. [...] Unser Teufel ist Kepler und Erlöser zugleich, beides in einem, mein Tengnagel.


    Zitat

    Plötzlich schrumpfte Kepler vor seinem Blick zusammen, er war ihm irgendwie bedeutungslos, ja noch mehr: er empfand ein Gefühl, das ihm Kepler noch nie eingeflöst haate, - Mitleid mit dieser Seele, die ihm nun so beengt und einsam erschien,in ihrer Bewusstlsoigkeit, in die er sich hinein versetzt spürte wie in ein Zimmer ohne Luft und Fenster. Wie leer und finster war diese angeborene, nie in Frage gestellte Reinheit, wie verstand Tycho zum erstenmal den oft wiederholten Ausspruch Keplers, dass er sich immer unglücklich fühle!


    Grüsse
    alpha

    Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig! <br /><br />Thomas Mann

  • Guten Tag!


    Vielen Dank für Deine interessanten Beobachtungen. Das geht ja flott voran mit Deiner Lektüre. Ja, es ist so eine Sache mit Brahes Aberglauben. Um gleich einmal die Zitatfunktion auszuprobieren (Hoffe das klappt so schön wie in Deiner Mail mit den dunkelblauen Kästchen. Sollte das mit dem Zitierkästchen, das sich hoffentlich nach dem Senden von Zauberhand einstellen wird, nicht funktionieren, wäre ich für ein paar Tipps dankbar.), das folgende Zitat:


    Zitat

    "Nimm dich Jeppes an, denn stirbt er, so wirst auch du nicht mehr lange leben." Damals lachte ich und verscheuchte den Aberglauben. Jetzt aber finde ich einen Sinn in den Worten der Alten: Solange ich noch Kraft habe, dieses schwache Geschöpf zu schützen, solange werde ich auch für mich genug Kraft haben.




    Hier hat sich Tycho Brahe offensichtlich selbst überlistet. Aus Menschlichkeit kümmert er sich zunächst um Jeppe und nimmt sich dann sogar Jeppes für Lebenszeit an. Vor sich selbst aber nennt er dies den Aberglauben verscheuchen und gibt damit implizit zu, dass hier ein Handlungszwang aus Aberglaube im Spiel gewesen sein könnte - gewissermaßen als (von der sterbenden Alten klug berechnete) Möglichkeit aufgedrängt. Umso bemerkenswerter die nachträgliche Rationalisierung, die er offensichtlich sich selbst, seinem Gelehrtendasein, über das er sich hier definiert, schuldig zu sein glaubt. Ich glaube (bei Büchner?) einmal gelesen zu haben, dass man nie wissen könne, wer in einem selbst wen betrügt. Ähnlich in dieser Passage: Brod lässt den Figuren ihr Geheimnis und gestaltet sie dadurch sehr lebendig - wie ich meine. (Was wäre natürlicher als ein Mensch, der sich nicht selbst versteht?)


    Hier zeigt sich eine Geschicklichkeit, die staunenswert ist. Ich muss hierzu ein wenig ausholen und baue auf Deine Geduld:
    Bei der Brod-Lektüre fällt auf, dass sehr explizit erzählt wird. Damit meine ich, dass Brods Erzähler ständig die einzelnen Charakterzüge und Aktionen der Figuren mit vielen Adjektiven genau kennzeichnet - womit er ein hohes Risiko eingeht. Bei dieser Erzähltechnik lauert überall die Gefahr der Banalität. Doch wird dieses durch Passagen wie die oben zitierte durchkreuzt. Der Leser muss sich dann selbst zusammenreimen, wie es um die Motive der Figuren bestellt ist. Konkret: Wenn ich über eine solche Passage nachdenken und ein eigenes Urteil über Tychos wahre Gründe fällen muss, kann es vorkommen, dass ich punktuell Tycho besser durchschaue als er sich selbst - zumindest glaube ich dies dann bereitwillig. Ich erlebe also Tycho als meinesgleichen [Ich red' jetzt nur von mir!], der sich ja auch tagtäglich in die Tasche zu lügen bereit ist. Tycho wird lebendig.
    Sollte ich daher bereits jetzt einen Grund angeben, weshalb es sich lohnt, den Roman zu lesen, dann käme mir sicherlich diese feine psychologische Mischung in den Sinn, die sich geglückt aus glaubwürdigen und dabei stimmigen Charakteristiken sowie vornehmer Zurückhaltung im Urteil zusammensetzt.


    Eine weitere Beobachtung: Tengnagel erinnert mich an den zuhausegebliebenen der beiden Söhne in der Parabel vom verlorenen Sohn, der seine Treue aufrechnet und nach Verdienst schielt. Wie Schillers Brotgelehrter äugt er argwöhnisch auf Kepler, in de