Hallo zusammen!
Mit dem vorläufig letzten Autor Flavius Josephus habe ich ein kleines, privates Leseprojekt abgschlossen, ein paar der wichtigsten antiken Historiker endlich einmal zu lesen.
Erzählt wird die Geschichte des Aufstands der Juden im ersten Jahrhundert. Der Erzähler, Flavius Josephus, ist nicht irgendwer. Aus einem Geschlecht von jüdischen Hohepriestern stammend, wirkt er zuerst als Heerführer auf aufständischer Seite mit. Er wird gefangengenommen, doch es gelingt ihm, sich mit dem römischen General und späteren Kaiser Vespasian auf guten Fuss zu stellen, und fortan streitet er auf römischer Seite mit.
Flavius Josephus erscheint mir nun von allen mir bekannten der "modernste". Besonders die Schilderung der Belagerungen wirkt sehr lebendig, geradezu filmreif.
Während mir Thukydides als trockener Aufzähler von Fakten vorkam, hatte ich bei Flavius Josephus wie bei Herodot das Gefühl, dass hier versucht wird, der Geschichte "Sinn" zu unterlegen. So versucht Josephus v.a. seinen Landes- bzw. Glaubensgenossen verständlich zu machen, dass es a) die Wahrheit nicht gibt, sondern nur eine römische, eine judäische etc. und b) die Niederlage der Judäer nicht nur vom gesunden Menschenverstand her zu erwarten war, indem ein kleines Volk am Mittelmeer unmöglich gegen eine Weltmacht (ja eigentlich den Rest der Welt!) bestehen konnte, sondern dass auch Gott sich einmal mehr von seinem Volk abgewandt hatte. Niemand war zu so einer Aufgabe prädestinierter als dieser prominente Überläufer, nirgends könnten wir den Argumentationsnotstand besser unter der Oberfläche sich abzeichnen sehen.
Thukydides mag "wissenschaftlicher" sein, korrekter in seinen Fakten als jedenfalls Herodot - für mich als literarischen Leser sind Herodot und Flavius Josephus genussvoller zu lesen.
Grüsse
Sandhofer