Beiträge von veriphantor

    @SirThomas:
    Allgemein wertgeschätzt werden Autoren oft aus den unterschiedlichsten Gründen; in seltenen, ausgesprochen glücklichen Fällen sogar wegen ihrer literarischen Qualität. :zwinker:
    Ich fürchte allerdings, dass bei aller Wertschätzung Grimmelshausens auf ihn die berühmte Bemerkung Lessings über Klopstock leider recht gut zutrifft.


    Juvavist:
    Was Autoren veranlasst sich lobend über andere Autoren zu äußern hat mitunter auch strategische Gründe. Denn mal ehrlich, einen direkten Einfluß auf die Schreibweise von Koeppen/Grass hat der Text von Grimmelshausen wohl nicht. Was für sie wahrscheinlich an Grimmelshausen interessant sein mag ist das explizit Antiklassische: derbere Sprache, Fabulierlust, Figur aus der "Unterschicht". Das ist aber nicht spezifisch Grimmelshausen, sondern gilt allgemein für die Gattung des Schelmenromans und auch für eine ganze Reihe anderer Texte z.B. Schwankbücher des 16/17 Jhrds. Der "Simplicissimus" als promintentestem Beispiel einer anderen Schreibhaltung dient dann dazu sich gegenüber den Zeitgenossen zu positionieren und das eigene Schreiben abzugrenzen.
    Schriftsteller sind keine Germanisten (zum Glück); in den meisten Fällen werden sie aus dieser Epoche, was Prosa anlangt, auch nur den Simplicissimus gelesen haben. Bei Koeppen bin ich mir da sogar ziemlich sicher. Ich habe mir seinen Aufsatz über G., der sich in seiner Werkausgabe findet, noch mal vorgenommen und ich muß sagen da findet sich schon manches recht Fragwürdige:
    "Grimmelshausen kam aus dem Volk, sprach mit dem Volk, durch das Volk, schöpfte wie Luther Kraft und Klang aus der Rede des Volkes"
    Hier lebt das alte "Grimmelshausen"-bild des 19 Jhrd wieder auf, das den Autor für nationale (Nazis) und ideologische (Kommunisten) Vereinnahmungen so lohnenswert machte; es wird hier eine Unmittelbarkeit behauptet, -Grimmelshausen als jemand der aus der Tiefe des Volkes heraufstieg und wie ein Getriebener sozusagen im Alleingang den Realismus erfand-,die so nicht zutrifft. G steht in einer literarischen Tradition, die er zugeben bereichert; der Text ist auch kein Augenzeugenbericht über den 30jährigen Krieg, denn selbst viele Kriegszenen im Roman sind aus litera. Quellen (Moscherosch z.b.) übernommenes Material, das G. in sein Werk einarbeitet - also nicht etwa die Schilderung von direkt Erlebtem. Er ist vielmehr ein großer Kompilator, - auch die meisten narrativen schwankhaften Episoden hat er nicht selbst erfunden, sondern schöpft sie aus den unterschiedlichsten Quellen.
    Besonders witzig ist, dass zwei Zitate, die Koeppen an zentrale Stelle seines Aufsatzes setzt, um den Leser mit der Formulierungskraft des Autors zu beeindrucken, nun gerade aus dem letzten Kapitel des 5. Buches stammen, das nahezu die wörtliche Übernahme einer dt. Übersetzung eines spanischen Textes des 16.Jhrd. von Antonio de Guevera darstellt. Da rächt sich die Unkenntnis Koeppens von den literarischen Gepflogenheiten des 17.Jhrds. :zwinker:

    endlich sagt das mal jemand. Ich stimme dem Beitrag von Giesbert da voll und ganz zu.
    Ich habe schon mehrere dt. Pikaroromane der Barockzeit gelesen: Beer, Daniel Speer, Riemer und eben auch Grimmelshausen; die heraugehobene Stellung, die man literaturhistorisch Grimmelshausen zubilligt blieb mir immer ein Stück weit unbegreiflich. Es stimmt zwar, dass Der Simplex S. die Welle der dt. Pikaroromane auslöste; das bedeutet aber nicht, dass er die anderen Werke qualitativ überragt. Die meisten dieser Romane halte ich für unterhaltsam, interessant und lesenswert für all diejenigen, die diese Literaturepoche näher kennenlernen wollen oder liebgewonnen haben, und insofern lohnenswert. Den Simplicissmus aber zu einer zwingenden Lektüre und einem Stück Weltliteratur zu stilisieren, den Autor gar neben Cervantes zu stellen scheint mir ziemlich übertrieben. Man muß sich damit abfinden, dass die dt. Literatur des 17. Jhrds, so liebenswert sie sich in einzelnen Werken darstellt, doch hoffnungslos hinter den Literaturen der anderen europäischen Sprachen (England; Frankreich, Italen, Spanien) hinterherhinkt. Verglichen damit wirkt das doch alles recht primitiv, was ja durchaus auch seinen Charme haben kann.
    Ich glaube auch ahnen zu können, was die Germanistik des 19. Jahrhunderts dazu veranlasste dieses Werk so zu feiern. Die dt. Literatur ist ja nicht gerade reich gesegnet mit wirklich wichtigen und qualitativ herausragenden Werken vor der 2. Hälfte des 18. Jhrds. Der Simplicissmus bot sich da an, um die eigene Vergangenheit aufzupolieren, wobei er dann wohl auch gleich mißgedeutet wurde als dt. Originalwerk, einsam entgegenstehend dem Zeittrend der Nachahmung franz. Vorbilder,- der Bedarf an und das Bedürfniss nach Zeugnissen einer glorreichen deutschen (das besonders) Vergangenheit war damals ja groß, und als erstem Entwicklungsroman, was völlig absurd ist - der Hauptheld ist alles andere als ein sukzessive sich entwickelndes Individuum, mehr schon eine je nach Bedarf im Laufe des Romans die unterschiedlichsten der Dramaturgie geschuldeten Positionen einehmende Spielfigur in Händen des Autors.
    Einmal in den Kanon gehoben verblieb er darin und fristet dort seitdem ein recht geruhsames Dasein, da weitestgehend ungelesen und wenn dann nur im Rahmen germanistischer Seminare.

    Wo ist denn dieses Zitat her? Weil: Das ist natürlich kompletter Unsinn ... :winken:


    ist doch eigentlich eine recht charmante Umdeutung der Stabübergabe von Vergil an Beatrice :cool:



    Für mich war übrigens seinerzeit das Purgatorium schon deshalb von einigem Interesse, weil sich darin mit Belaqua die Figur eines selbsgewählten alter ego des frühen Beckett aufhält. Die betreffende Person verweigert sich standhaft den Zumutungen des Fegefeuers und allen Anstrengungen der Läuterung. Standhaft ist in diesem Zusammenhang natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Belaqua liegt einfach nur desinteressiert und stinkfaul am Wegesrand und gammelt vor sich hin.

    Ich habe vor einigen Jahren das Drama "Luzifer" des niederländischen Barockdichters Joost van den Vondel gelesen, das mir damals sehr gut gefiel. Auf diesen Autor stieß ich, weil ich in Köln wohne und Vondel in Köln geboren wurde, dort seine Kindheit verbrachte und der Stadt sein Leben lang verbunden blieb - seine Frau war geborene Kölnerin und als während des 30jährigen Kriegs die schwedischen Truppen vor Köln standen schrieb er an Gustav Adolf ein umfangreiches Bittgedicht um Verschonung der Stadt.
    Van den Vondel gilt meines Wissens als einer der zentralen Autoren aus der goldenen Epoche der niederländischen Literatur. Die Klassik der niederländischen Literatur fand während des 17. Jhrds. statt. Die Blüte, in der die die niederländische Kultur zu dieser Zeit stand, ist uns ja vor allem durch die großen Maler der Epoche noch im Bewußtsein.
    Leider ist meines Wissens so gut wie nichts von seinen Werken ins Deutsche übersetzt worden- zumindest in neuerer Zeit. Das ist eben der Fluch der kleinen Literaturen!

    Die "moskowitische und persische Reise" von Adam Olearius; ein Bericht über die aufwendige im Auftrag des Holsteinischen Herzogs in der ersten Hälfte des 17. Jhrds. unternommene Reise zum Zweck der Aufnahme von Handelsbeziehungen mit dem Persischen Reich. Einer der Mitreisenden war auch der Dichter Paul Fleming, ein Jugendfreund von Olearius. Der ursprüngliche Zweck der Reise scheiterte in Bausch und Bogen. Aber dafür entstand dieses großartige literarische Zeugnis darüber.
    Für mich schrieb Olearius neben Johan Beer und Johann Thomä (Damon und Lisille) das schönste und entwickelste Prosadeutsch des 17. Jahrhunderts. Nicht umsonst war das Buch sofort ein internationaler Erfolg, meines Wissens der einzige der dt. Barockliteratur, wurde in alle europäischen Kultursprachen übersetzt und erlebte mehrere Auflagen. z. B. griff noch Montesquieu für seine "persischen Briefe" darauf zurück.