Liebes Forum,
da mir „Der Geheimagent“ von einem der guten Geister in diesem Forum dringend ans Herz gelegt wurde, möchte ich hier kurz meine Eindrücke schildern. Etwas ratlos lässt er mich zurück, der gute Joseph Conrad. Selbst nach dem Genuss mehrerer Tassen Kaffee und der Verwandlung diverser filterloser Zigaretten in blauen Dunst und graue Asche bin ich davon überzeugt, dass ein wenig Straffung dem Werk gut getan hätte.
Sehr gut ist Conrad immer dann, wenn er die Winkelzüge des Polizeiapparats und der Politik beschreibt. Provokativ für die damalige Zeit (1907) war sicher die These, dass Terrorismus den Regierenden nicht nur gelegen kommt, um die Befugnisse des staatlichen Machtapparats auszuweiten, sondern dass zwielichtige politische Elemente sogar aktiv daran beteiligt sind, Terroraktivitäten zu „fördern“. Die Beschreibung der Anarchisten und deren Lebensumstände ist absolut köstlich. Lediglich der „Professor“ (der „vollkommene Terrorist“) ist in der Lage, die Polizei in Angst und Schrecken zu versetzen, während die anderen Figuren den „Kampf“ gegen das System lieber aus der sicheren Position des Lehnstuhls heraus aufnehmen und demzufolge jederzeit „unserer Kontrolle und unserem Zugriff zugänglich sind“, wie Inspector Heat feststellt.
Sehr überzogen und viel zu langatmig fand ich hingegen die Schilderungen des Verlocschen Haushalts. Hier ist der Roman eindeutig schwach.
Sprachlich ist „Der Geheimagent“ sehr gelungen. Ich fühlte mich oft an Dickens, aber auch an Graham Greene erinnert. Fazit: Ein gelungenes Buch mit kleinen Schwächen.
Es grüßt
Sir Thomas