Joseph Conrad - Der Geheimagent

  • Liebes Forum,


    da mir „Der Geheimagent“ von einem der guten Geister in diesem Forum dringend ans Herz gelegt wurde, möchte ich hier kurz meine Eindrücke schildern. Etwas ratlos lässt er mich zurück, der gute Joseph Conrad. Selbst nach dem Genuss mehrerer Tassen Kaffee und der Verwandlung diverser filterloser Zigaretten in blauen Dunst und graue Asche bin ich davon überzeugt, dass ein wenig Straffung dem Werk gut getan hätte.


    Sehr gut ist Conrad immer dann, wenn er die Winkelzüge des Polizeiapparats und der Politik beschreibt. Provokativ für die damalige Zeit (1907) war sicher die These, dass Terrorismus den Regierenden nicht nur gelegen kommt, um die Befugnisse des staatlichen Machtapparats auszuweiten, sondern dass zwielichtige politische Elemente sogar aktiv daran beteiligt sind, Terroraktivitäten zu „fördern“. Die Beschreibung der Anarchisten und deren Lebensumstände ist absolut köstlich. Lediglich der „Professor“ (der „vollkommene Terrorist“) ist in der Lage, die Polizei in Angst und Schrecken zu versetzen, während die anderen Figuren den „Kampf“ gegen das System lieber aus der sicheren Position des Lehnstuhls heraus aufnehmen und demzufolge jederzeit „unserer Kontrolle und unserem Zugriff zugänglich sind“, wie Inspector Heat feststellt.


    Sehr überzogen und viel zu langatmig fand ich hingegen die Schilderungen des Verlocschen Haushalts. Hier ist der Roman eindeutig schwach.

    Sprachlich ist „Der Geheimagent“ sehr gelungen. Ich fühlte mich oft an Dickens, aber auch an Graham Greene erinnert. Fazit: Ein gelungenes Buch mit kleinen Schwächen.


    Es grüßt


    Sir Thomas

  • Du hast wieder einmal so treffend formuliert, Sir Thomas, dass man Lust auf das Buch bekommt. Ich lese sehr gerne über diese Zeit und kann mir schon aufgrund Deiner Beschreibungen vorstellen, was mich erwartet. Allerdings nicht vor dem "Herz der Finsternis".
    Zur allzu häufigen Umwandlung diverser Rauchwaren in blauen Dunst und graue Asche sollte Dich die Literatur jedoch nicht anregen (verzeih diese Mahnung; sie muss sein, auch wenn man sich damit bei Rauchern nicht beliebt macht). Eine gepflegte Tasse Kaffe wirkt jedoch bei vielen Überlegungen wahre Wunder, da stimme ich ganz und gar mit Dir überein.


    Liebe Grüße


    Madeleine.

  • Hallo Sir Thomas,
    wie schön, dass du dich von deiner "Geheimagenten"- Lektüre meldest. Weißt du übrigens, dass er zu den Lieblingsbüchern von Thomas Mann gehörte? Sicher nicht deshalb, weil er sich für Kriminalgeschichten und Agentenromane interessiert hat. Und "Der Geheimagent" ist auch gar kein Agentenroman. Wenn er das wäre, würde er mich zumindest nicht interessieren. Auch Agentenfilme langweilen mich immer furchtbar, weil sie mich verwirren und ich nie so richtig verstehe, um was es eigentlich geht. Vielmehr stehen gerade die "tragisch-menschlichen Auswirkungen" (Thomas Mann über den "Geheimagenten") für den Verlocschen Haushalt, wie du es nennst, im Mittelpunkt. Doch meine Lektüre dieses Romans liegt sehr lange zurück; ich muss meine Erinnerung durch erneutes Lesen auffrischen, will überprüfen, ob er mich noch immer so erschüttert. Zur Zeit stecke ich tief in der Beschäftigung mit dem Werk von Milan Kundera, sobald diese Arbeit abgeschlossen ist, stürze ich mich in den "Geheimagenten", und werde dir dann berichten. Kennst du übrigens die Hitchcock - Verfilmung? An den Roman reicht sie nicht heran, ist aber trotzdem sehr gelungen.
    Bestimmt weißt du auch, das Conrad sich ein Edward Spenser- Zitat als Epitaph gewählt hat, das er auch dem "Freibeuter" vorangestellt hat: "Sleep after toyle, port after stormie seas, Ease after warre, death after life, does greatly please."
    Viele Grüße und bis bald
    Die Leserin