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Autor Thema: Gustave Flaubert - Madame Bovary  (Gelesen 163 mal)

Offline thopas

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Gustave Flaubert - Madame Bovary
« am: 11. März 2017, 12:27 »
Da der allgemeine Flaubert-Thread relativ unübersichtlich ist, spendiere ich Madame Bovary einen eigenen Thread...

Diesen Roman habe ich zum ersten Mal gelesen, als ich noch auf der Schule war. Damals hatten wir Effi Briest als Schullektüre und ich habe dann zusätzlich noch Madame Bovary gelesen. Ich konnte weder mit Effi noch mit Emma Bovary etwas anfangen. Beide haben mich unsäglich genervt. Vor einigen Jahren habe ich Effi Briest noch einmal gelesen, fand den Roman gut, aber Effi hat mich immer noch genervt  :zwinker:. Jetzt möchte ich im Rahmen des Listenwettbewerbs Madame Bovary auch noch einmal lesen und sehen, wie mir das Buch jetzt gefällt. Es sind wenig Eindrücke von damals noch übrig, außer, dass mir das Buch sehr trist und grau vorgekommen ist.

Bisher finde ich das Buch allerdings nicht trist und grau. Es werden sehr oft Frühlings- oder Sommerszenen beschrieben, die Natur ist bunt, allenfalls etwas träge. Flaubert beschreibt sehr gut die Ödnis in der Provinz, die im Leben wenig Abwechslung bietet. Für eine träumerische und schwärmerische Natur wie Emma Bovary, die auch keine Aufgabe im Leben hat, ist das natürlich unendlich langweilig. Ihr Mann ist nur mit seiner Arbeit beschäftigt, ansonsten hat sie in Tostes, wo die beiden zu anfang wohnen, wohl keinen standesgemäßen Umgang. Privaten Kontakt zu niedrigeren Personen lehnt sie ab. Der Umzug nach Yonville verspricht nun endlich Abwechslung. Es gibt mehr Kontakte und einen jungen Notarsgehilfen, der sich ebenfalls unendlich langweilt in der Provinz.

Ich lese übrigens die Diogenes-Ausgabe mit der überarbeiteten Übersetzung von René Schickele. Wie ich gesehen habe, gibt es inzwischen auch eine neue Übersetzung bei dtv.


Offline Giesbert Damaschke

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Re: Gustave Flaubert - Madame Bovary
« Antwort #1 am: 11. März 2017, 13:45 »
Emma Bovary ist einfach eine dumme Gans 8-). Und Flaubert ein gnadenloser, ungemein präziser Erzähler. Da gibt es ja mal eine Operation, von der man schon im Voraus ahnt, wie sie ausgehen wird. Und Flaubert liefert ein minutiöses Protokoll der Katastrophe. Das hab ich seinerzeit - ich hab den Roman zuletzt so vor gut 10 Jahren in der Haffmans-Ausgabe gelesen – als fast unerträglich empfunden. (Als sehr, sehr große Literatur, das natürlich auch ;-))
Giesbert Damaschke, München |  http://www.damaschke.de/

Offline thopas

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Re: Gustave Flaubert - Madame Bovary
« Antwort #2 am: 11. März 2017, 14:26 »
Oh ja, an diese Operation erinnere ich mich auch noch. Und den armen Burschen, dessen Klumpfuß (?) dann vollends unbrauchbar war. Und alles nur, weil Emma möchte, dass ihr Mann sich profiliert...

Offline thopas

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Re: Gustave Flaubert - Madame Bovary
« Antwort #3 am: 12. März 2017, 11:11 »
Und Flaubert ein gnadenloser, ungemein präziser Erzähler.

Ja, er ist schon sehr gnadenlos gegenüber Emma:

Sie war so traurig und so ruhig, so sanft und so zurückhaltend, daß man in ihrer Gegenwart einem eisigen Zauber erlag, so wie man in den Kirchen in dem mit der Kälte des Marmors vermischten Duft der Blumen erschauert. (S. 129; Buch 2, Kap. 5)

Der Stolz und die Freude, sich sagen zu können "Ich bin tugendhaft" und in den Spiegel zu sehen und dabei entsagungsreiche Posen einzunehmen, tröstete sie ein wenig über das Opfer hinweg, das sie zu bringen glaubte. (S. 130; Buch 2, Kap. 5)


Ich kann ihre Langeweile aber durchaus nachvollziehen. Und dass sie dadurch ein bisschen depressiv wird, auch. Sie hat den falschen Mann geheiratet (wohl aus Angst, sonst gar keinen abzubekommen) und hat nicht viel zu tun. Haushalt und Kind interessieren sie nicht. Und das glamouröse Paris ist weit weg und unerreichbar. Sie liest Balzac und George Sand. Und irgendwann reicht diese Schwärmerei auch nicht mehr aus, um die Langeweile zu kaschieren. Und ihr Mann ist überglücklich und merkt überhaupt nicht, was in ihr vorgeht.

Nun meint sie in den Notarsgehilfen Léon verliebt zu sein. Aber ist sie es wirklich, oder ist es wieder nur eine schwärmerische Ausflucht aus ihrer Langeweile?

Offline JHNewman

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Re: Gustave Flaubert - Madame Bovary
« Antwort #4 am: 13. März 2017, 10:00 »
Ich kann ihre Langeweile aber durchaus nachvollziehen. Und dass sie dadurch ein bisschen depressiv wird, auch. Sie hat den falschen Mann geheiratet (wohl aus Angst, sonst gar keinen abzubekommen) und hat nicht viel zu tun. Haushalt und Kind interessieren sie nicht. Und das glamouröse Paris ist weit weg und unerreichbar. Sie liest Balzac und George Sand. Und irgendwann reicht diese Schwärmerei auch nicht mehr aus, um die Langeweile zu kaschieren. Und ihr Mann ist überglücklich und merkt überhaupt nicht, was in ihr vorgeht.

Interessanterweise findet aber ihr Mann bei ihr genau das, was sie selbst vergeblich such: romantische Liebe. :-)

Der Essay von Nabokov zu 'Madame Bovary' ist sehr zu empfehlen. Er ist Teil seiner Vorlesungen über die europäische Literatur. Nabokov legt auf sehr schöne Weise einige der Erzähltechniken offen, verfolgt einige der zentralen Motive des Romans (Erzählen in Schichten, das kontrapunktische Prinzip, Leitmotive wie die Pferde, die Farbe blau etc.). Sehr schön ist auch, dass Nabokov immer wieder aus Flauberts Briefen zitiert, in denen der Autor die Strukturen einzelner Szenen erläutert. Zudem ist der Essay mit rund 70 Seiten auch nicht zu lang.




Offline thopas

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Re: Gustave Flaubert - Madame Bovary
« Antwort #5 am: 15. März 2017, 17:00 »
Danke für die Rückmeldung zu dem Essay, JHNewman. Dann werde ich mir das mal vormerken.

Offline thopas

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Re: Gustave Flaubert - Madame Bovary
« Antwort #6 am: 19. März 2017, 14:49 »
Inzwischen habe ich Buch 2 beendet. Es gibt doch viel, an das ich mich nicht mehr erinnere. Die Operation hat mittlerweile stattgefunden, der arme Kerl musste dann amputiert werden, das hatte ich ganz vergessen. Und an Rodolphe Boulanger konnte ich mich auch nicht mehr erinnern. Er wirkt für mich ein bisschen blutleer, mehr so als Mittel zum Zweck, damit Emma ihre romatische Liebe erleben kann bzw. sich in ihre Vorstellung der romatischen Liebe hineinsteigern kann. Für ihn ist von Anfang an klar, dass es nur eine Affäre sein wird; Emma wird schwer krank, als es vorbei ist. Die Flucht aus ihrem bisherigen Leben - das für sie ja eine Katastrophe ist, aber eigentlich nur ein ganz normales, etwas langweiliges Landleben ist - scheint ihr als die einzige Rettung. Als die Flucht scheitert, bricht sie komplett zusammen.

Jetzt kommt sie Schritt für Schritt wieder im Leben an und begegnet dann zufällig Léon... Das kann nur schief gehen. Und ihr Mann verschuldet sich immer weiter, da die gute Emma ihm jede Menge Schulden aufgehalst hat und nie etwas erzählt hat. Auch das kann nicht gut gehen  :rollen:.

 

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