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Autor Thema: Aldous Huxley - Schöne neue Welt  (Gelesen 373 mal)

Offline louzilla

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Aldous Huxley - Schöne neue Welt
« am: 14. Februar 2017, 16:44 »
Ich bin etwa zu 2/3 durch und muss den Roman nun leider für ein paar Wochen beiseite legen, weil andere (Termin-)Leseprojekte ab morgen anstehen. Nichtsdestotrotz möchte ich gerne meine bisherigen Eindrücke schildern, so lange sie noch frisch sind.



Beschreibung

1932 erschien eines der größten utopischen Bücher des 20. Jahrhunderts: ein heimtückisch verführerischer Aufriss unserer Zukunft, in der das Glück verabreicht wird wie eine Droge. Sex und Konsum fegen alle Bedenken hinweg und Reproduktionsfabriken haben das Fortpflanzungsproblem gelöst. Es ist die beste aller Welten – bis einer hinter die Kulissen schaut und einen Abgrund aus Arroganz und Bosheit entdeckt.

Meine Meinung bisher

Egal, wie und wohin wir uns entwickeln, die menschliche Natur ist nicht auszumerzen!  :breitgrins:

Huxley entwirft für mich eine gar nicht so utopische Zukunft. Man muss nur die menschlichen Bestrebungen genau beobachten und extrapolieren, dann landet man in Huxleys schöner neuen Welt: Sauberkeitswahn und die damit verbundene Keimfreiheit und Geruchslosigkeit, immer zur Verfügung stehender Sex ohne quälende Emotionen,Kontrolle über die Natur, Hierarchiedenken, Kollektivwahn, unbegrenzter und nebenwirkungsfreier Konsum von Drogen, sofortige Bedürfnisbefriedigung, Konsumsucht, Schönheits- und Jugendwahn, Körperkult, Bequemlichkeit, verantwortungslose Dauerbespaßung, Glückszwang, Reproduktion ohne lästige Schwangerschafts-, Geburts- und Erziehungsmühen. Was will man mehr?
Und wenn man an George Orwells "1984" und Juli Zehs "Corpus Delicti" denkt, muss man feststellen, die Utopien ähneln sich und wir sind gar nicht soweit entfernt, uns freiwillig der Diktatur des Fortschritts zu unterwerfen, ja danach zu verlangen.
Es gibt allerdings so Manches im Roman, das finde ich inkonsequent: Da hat man die totale Reproduktionskontrolle und die Welt ist völlig überbevölkert, was ich aus den Beschreibungen von Massenveranstaltungen und von Gebäuden gigantomanischen Ausmaßes schließe. Trotzdem scheint jeder jeden zu kennen.
Das Reservat der Wilden und deren Gebaren wird für meinen Geschmack zu überzogen dargestellt.
Insgesamt wird zu wenig erklärt. Was sind die ganzen Spiele, die die Menschen spielen (Treppen-Squash, Magneto-Golf)? Wie kann man ein Reservat besuchen, ohne dass die Wilden auf die Besucher reagieren? Wie konnte Linda schwanger werden? Wie und wann sterben eigentlich die Menschen und wer bestimmt das (das wird aber vielleicht noch erklärt)? Wie kann sich plötzlich ein perfekt konditionierter Mensch verändern und von seinen archaischen Emotionen übermannt werden (die sich verliebende Lenina)? Auch finde ich den Protagonisten Bernard zu dumm gezeichnet. Er (Alpha, mit Intelligenz gesegnet) ist doch einer, der nicht in dieses System passt und sich nach dem Echten sehnt und trotzdem dient er hündisch dem System für ein bisschen Anerkennung, sobald sich die Chance bietet. Aber vielleicht soll das ja nur die Schwäche der menschlichen Natur hervorheben...
Auch die Ökonomie und Ökologie sind völlig unklar. Wie ist der totale Konsum möglich? Und die Folgen dessen werden völlig ausgeblendet.
Eine Chance (für die Handlung) sind Linda und John. Die eine ist jahrelang der Natur ausgesetzt (was sich vor allem in ihrem körperlichen Verfall manifestiert), der andere ist in und mit der Natur aber als Außenseiter aufgewachsen. Beide werden in die schöne neue Welt gebracht. Ich bin gespannt, was daraus noch erwächst!

Offline louzilla

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Re: Aldous Huxley - Schöne neue Welt
« Antwort #1 am: 16. Februar 2017, 14:55 »
Jetzt hab ich's doch schneller beendet als geplant, weil die Lektüre einfach spannend war. Ich ergänze meine obigen Ausführungen:

Am faszinierendsten fand ich die Aussagen von Mustafa Mond. Er erklärt im Grunde das ganze Ideenkonstrukt, dass sich der menschlichen Natur anpasst und sie sich gleichzeitig zunutze macht. Alles andere ist zwar unglaublich interessant aber an sich wird nur an der Oberfläche gekratzt, nichts wird gedanklich oder beschreibend zu Ende geführt.
Das größte Problem ist meiner Meinung nach die angenommene Existenz von Gott, denn auch Ford ist Gottersatz und damit stellt sich Huxley sozusagen selbst ein Bein. Gott ist ein Konstrukt, um unter anderem dem Leben (vermeintlichen) Sinn zu geben, Unerklärliches zu erklären und um mit der Angst vor dem Tod umzugehen. Dies alles ist in Huxleys Welt nicht existent, also ist die Existenz eines höheren Wesens absurd. Auch die völlig übertriebenen religiösen Handlungen der Wilden, insbesondere von John (zum Beispiel dessen Selbstgeißelung) ergibt überhaupt keinen Sinn. Er will büßen - für was denn? Warum beschimpft er geifernd Lenina und tötet (?) sie? Weil sie promisk ist und ihn haben will? Na und? Er müsste doch erkennen, so wie er vieles andere erkennt, dass sie nicht anders kann. Lindas Tod ist ebenfalls inkonsequent. angeblich ist der Somatod doch angenehm - woher kommt dieses Grauen in ihrem Blick, als sie stirbt? Soll das dem Leser zeigen, dass der Tod doch zu fürchten ist und er einen Gott braucht?
Was ich wirklich amüsant fand, ist das beschriebene Experiment mit einer Gesellschaft aus lauter Alphas (hochintelligenten Menschen), das zum Scheitern verurteilt ist. Der Schluss, der daraus gezogen wird (Eisbergstruktur der Intelligenzgrade) stellt im Grunde übertrieben das dar, was heute keiner mehr wahrhaben will, aber schon immer Realität ist, der man Rechnung tragen muss.
Der Wert des Romans liegt für mich in dem Denkanstoß, sich zu fragen, ob es sich um eine Utopie oder Dystopie handelt.

Offline louzilla

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Re: Aldous Huxley - Schöne neue Welt
« Antwort #2 am: 17. Februar 2017, 05:22 »
Noch eine Ergänzung:

Die drei Hauptcharaktere Bernard, Helmholtz und John sind äußerst interessant. Spontan viel mir folgender Vergleich ein: Hund, Katze, Maus. Alle mit Intelligenz gesegnet, alle weichen von der Norm ab, wissen, dass sie nicht in das System passen. Trotzdem agieren sie grundverschieden:
Bernard, ein Opportunist in Reinkultur, für den es nur ihn selbst gibt, kennt weder Freund noch Stolz. Ein widerlicher Mitläufer.
Helmholtz, ruhig besonnen, großmütig, erkennt und begreift die Chance, die sich ihm mit der Umsiedlung auf eine Insel zu Gleichgesinnten bietet.
John wird aggressiv, auch gegen sich selbst, überreagiert mit Abwehr und Flucht.

Dies zeigt, dass Charakter und ethische Wertmaßstäbe nicht von der Intelligenz und kaum von der Erziehung abhängen.

Offline finsbury

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Re: Aldous Huxley - Schöne neue Welt
« Antwort #3 am: 17. Februar 2017, 19:04 »
Es ist leider lange her, dass ich diesen Roman gelesen habe, deshalb kann ich nichts zu deiner Interpretation im Speziellen sagen: Aber was du schreibst, erscheint mir schlüssig und gut durchdacht. Danke dafür  :blume:. Eine interessante  Anschlusslektüre für dich könnte vielleicht der Zukunftsentwurf von Jewgenij Samjatin "Wir" sein.
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline louzilla

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Re: Aldous Huxley - Schöne neue Welt
« Antwort #4 am: 17. Februar 2017, 19:39 »
Danke für die Blumen und den Tipp! Es ist ein bisschen schade, dass man mehr oder weniger für sich allein schreibt. Aber es ist schon klar, dass, wenn die Lektüre lange her ist, man sich kaum noch an den Inhalt erinnern kann. Ich kriege ja kaum noch Details zusammen von Büchern, die ich vor ein paar Monaten gelesen habe. Und viele lesen hier so interessante Bücher und ich kann gar nichts dazu schreiben, weil ich sie nicht kenne - ein Jammer.

Offline GinaLeseratte

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Re: Aldous Huxley - Schöne neue Welt
« Antwort #5 am: 17. Februar 2017, 20:17 »
... Und viele lesen hier so interessante Bücher und ich kann gar nichts dazu schreiben, weil ich sie nicht kenne - ein Jammer.

So geht es mir jetzt mit "Schöne neue Welt". Ich kenne den Roman (noch) nicht und da ist es schwierig, etwas dazu zu schreiben - außer, dass ich jetzt neugierig auf das Buch bin. :zwinker: Allerdings mag ich Utopien/Dystopien nicht immer lesen, sondern muss in der richtigen Stimmung dazu sein.

Offline Jaqui

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Re: Aldous Huxley - Schöne neue Welt
« Antwort #6 am: 17. Februar 2017, 21:01 »
... Und viele lesen hier so interessante Bücher und ich kann gar nichts dazu schreiben, weil ich sie nicht kenne - ein Jammer.

So geht es mir jetzt mit "Schöne neue Welt". Ich kenne den Roman (noch) nicht und da ist es schwierig, etwas dazu zu schreiben - außer, dass ich jetzt neugierig auf das Buch bin. :zwinker: Allerdings mag ich Utopien/Dystopien nicht immer lesen, sondern muss in der richtigen Stimmung dazu sein.

Genauso geht es mir auch.

@louzilla: ich hab das gleiche "Problem". Viele tolle Bücher und ich kenne oft nicht mal den Autor.

Offline sandhofer

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Re: Aldous Huxley - Schöne neue Welt
« Antwort #7 am: 18. Februar 2017, 05:50 »
Meine Huxley-Lektüre ist auch zu lange her, um noch was Gescheites dazu sagen zu können. Obwohl ich als Gymnasiast nachher auch noch sein Schweinchen-Epos las...

Eine interessante  Anschlusslektüre für dich könnte vielleicht der Zukunftsentwurf von Jewgenij Samjatin "Wir" sein.

Habe ich selber zwar auch noch nicht gelesen; Kollege scheichsbeutel war in unserm Blog allerdings nicht zu 100% überzeugt. (Achtung! Wir halten uns in unserm Blog nicht an die offiziöse Regelung, wonach von Romanen das Ende nicht verraten werden soll.)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline JMaria

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Re: Aldous Huxley - Schöne neue Welt
« Antwort #8 am: 18. Februar 2017, 17:48 »
Auf jeden Fall animierend, louzilla, Danke  :winken:
In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

 

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