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Autor Thema: Fehlende Klassikersozialisation  (Gelesen 137 mal)

Offline Quast

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Fehlende Klassikersozialisation
« am: 9. Mai 2017, 18:12 »
nach einer Schulkarriere unter 68er Lehrern und der Pflichtlektüre von Hemmingway, Kafka, Brecht über den Vorsitzenden Mao bis zu Wagenbachs Lesebuch der sechziger, fehlt mir eigentlich komplett die klassische Grundbildung und deren kultureller Hintergrund. Während meiner - jetzt auslaufernden - Berufstätigkeit habe ich keinen Einstieg mehr gefunden.
Es gab auch so genug zu lesen: Amerikanische Literatur blieb mir mit ihrer Unkultur fremd. Ausnahme die Barocktrilogie von Neal Stephenson, die aber auch schon in Richtung meiner Anglophilie weist. Kein Interesse an Science Fiction - aber Douglas Adams ist ein Prophet und begegnete mir im Alltag immer wieder. Und dann gibt es noch die deutsche Ader von Ernst von Salomon über Fallada bis zu einigen späten DDR-Autoren (z.B. Jurek Becker).
Da man aber keine Garantie für die nächste Lebensphase übernehmen sollte, werde ich mal sehen, ob ich dann meine klassische Bildung noch nachholen kann.

Offline finsbury

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Re: Fehlende Klassikersozialisation
« Antwort #1 am: 9. Mai 2017, 19:42 »

Es gab auch so genug zu lesen: Amerikanische Literatur blieb mir mit ihrer Unkultur fremd.
(...)
Da man aber keine Garantie für die nächste Lebensphase übernehmen sollte, werde ich mal sehen, ob ich dann meine klassische Bildung noch nachholen kann.

Dann lass uns doch daran teilhaben! Herzlich willkommen im Klassikerforum. Hier findest du Themen zu vielen Klassikern, und manchmal lesen wir auch welche zusammen, wenn auch leider selten.
Warum du allerdings alle amerikanischen Autoren der Unkultur bezichtigst, erschließt sich mir nicht. Was an Melville, Hawthorne, Steinbeck, Sinclair und Upton Lewis, Wharton, um nur einige zu nennen, findest du denn kulturell zu bemängeln?
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline Quast

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Re: Fehlende Klassikersozialisation
« Antwort #2 am: 13. Mai 2017, 11:45 »
Warum du allerdings alle amerikanischen Autoren der Unkultur bezichtigst, erschließt sich mir nicht. Was an Melville, Hawthorne, Steinbeck, Sinclair und Upton Lewis, Wharton, um nur einige zu nennen, findest du denn kulturell zu bemängeln?
Tja, Literatur befasst sich i.a. mit den lokalen soziokulturellen Verhältnissen. Das US-amerkianische Gegenmiteinander, das soziale Miasma und die dortigen Paarungsriten sind mir einfach unsympathisch. Deshalb meide ich auch amerikanische Filme. Prototypische Gegenstände meiner Antipathien werden z.B. in Garp und Forrest Gump aufgespießt. Vielleicht ist es auch nur ein persönliches bundesrepublikanisches Vietnamtrauma aus der Kindheit, die zu der "USAllergie" geführt hat. Nun haben die USA ja politisch auch nichts unterlassen, um mich von einer Aufarbeitung eines solchen Traumas abzuhalten. Seltsamerweise bin ich Fan von Neal Stephenson, den ich über Cryptonomicon kennengelernt habe und mit der Barocktrilogie sowie Anathem weiter gelesen habe. Die Bücher gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Mit der Barocktrilogie ist es ihm irgendwie gelungen, die historischen Wurzeln der europäischen(!) modernen Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft zu einem unglaublichen Abenteuer umzuformen.
Den Cyberpunkteil seines Schaffens mochte ich aber nicht. Mag sein, die anderen Bücher sind gerade deshalb so gut, weil sich ein moderner Ami mit Europa auseinandersetzt.

Offline JHNewman

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Re: Fehlende Klassikersozialisation
« Antwort #3 am: 13. Mai 2017, 17:55 »
Hallo und willkommen, Quast!

Ich muss gestehen, Deine eröffnenden Worte haben mich insofern herausgefordert, als ich darin viele Ansichten vereint fand, die ich bislang für unvereinbar gehalten hätte. Das ist doch mal spannend!  :smile:

Dass jemand Kafka und Brecht nennt im Zusammenhang einer fehlenden Klassikersozialisation, finde ich famos. Für mich gehören beide in jedem Fall heute zu einem klassischen Kanon der deutschen Literatur unbedingt dazu. Insofern hast Du ja schon eine Grundlage.

Dass man mit der amerikanischen Kultur wenig anfangen kann, kann ich gewissermaßen nachvollziehen. Aber zugleich bin ich mir bewusst, dass es einen langtradierten deutschen Antiamerikanismus gibt, der nicht immer aus redlichen Motiven erwuchs, zu oft politisch motiviert war und die Kultur nicht unbedingt im Kern berührt. Finsbury hat ja schon einige Namen genannt, auch andere würden mir einfallen. Insofern empfehle ich gerne, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten und die eigenen Ansichten über amerikanische Literatur immer wieder einmal zu überprüfen. Und neben den hochkulturellen Werken (ergänzen möchte ich etwa William T. Vollmans großartigen Roman 'Europe Central') haben die Amerikaner auch immer wieder ein gutes Händchen für sehr gute Zeit- und Gesellschaftsanalysen.

Aber wie gesagt: Man muss ja die Amerikaner nicht mögen, nur würde ich ihnen nicht generell 'Unkultur' unterstellen. Lustig fand ich das auch deshalb, wei Du dann einen deutschen Autor nennst (Ernst von Salomon), der zwar glänzend schreibt, aber in meinen Augen nun Vertreter einer ebensolchen Unkultur bloß mit anderen Vorzeichen ist. Ich finde, der Kerl ist ein Kotzbrocken.  :breitgrins:

Mit Vertretern von Science Fiction wiederum kann ich nun gar nichts anfangen. Das hat auch damit zu tun, dass vor Jahrzehnten, als die Dougla-Adams-Serie so richtig en vogue war, zu viele Menschen davon schwärmten, die sonst nichts lasen oder von Literatur überhaupt keine Ahnung hatten. Das hat mich damals schon abgeschreckt. Bücher, die bei Nichtlesern populär sind, rutschen irgendwie unter mein Radar. Das mag ein Fehlurteil sein, aber das hat mir seinerzeit diese Bücher verdächtig gemacht.

Also, erst einmal auf frohe Diskussionen hier!

 

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