Klassikerforum

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Autor Thema: Joseph von Eichendorff  (Gelesen 6997 mal)

Offline thopas

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #15 am: 7. Juli 2008, 15:41 »
Hallo zusammen,

ich hatte vor, eine weitere Klassikerlücke zu schließen und mir Eichendorff vorgenommen (in der Schule haben wir nur Gedichte von ihm behandelt). Ich habe nun Aus dem Leben eines Taugenichts und Das Marmorbild gelesen und muß sagen, daß ich sehr angenehm überrascht war; mir haben diese beiden Erzählungen recht gut gefallen.

Natürlich sind Eichendorffs (Landschafts-)Beschreibungen immer sehr ähnlich, sandhofer hat es in einem zweiten Eichendorff-Thread (vielleicht könnte man die beiden Threads zusammenlegen?  :winken:) recht gut beschrieben:

Zitat von: sandhofer
Vieles ist darin natürlich Wiederholung. Eichendorff scheint sein Leben lang mehr oder weniger Wilhelm Meisters Lehrjahre zu variieren. Seine Landschaften sind höchst künstlich. Deutschland besteht nur aus bergigen Wäldern, in denen einsame Schlösser stehen; Rom ist offenbar eine Villen-Vorstadt mit Brunnen und Gärten, in denen auch schon mal Statuen sich selbständig machen; fröhliche Studentenreisen gehen prinzipiell Donau-abwärts, ohne dass ein bestimmter Ort ausgemacht werden kann; Erinnerungen ans Studentenleben (und fast alle Helden Eichendorffs sind oder waren Studenten und Grafen) beinhalten prinzipiell Heidelberg ...

Eichendorff gelingt es sehr gut, einem ein richtiges Urlaubsgefühl zu vermitteln. Es scheint ja fast immer schönes Wetter zu sein, das Morgengrauen immer frisch und der Abend immer in goldenes Licht getaucht. Am liebsten hätte ich sofort meine Sachen gepackt und wäre gerne durch Österreich und Italien gereist (vielleicht nicht unbedingt zu Fuß  :zwinker:) oder auf einem Schiff donauabwärts gefahren.

Die vielen Verwirrspiele und die oft traumhaften Elemente haben mich sehr an Shakespeares Komödien (v.a. den Sommernachtstraum und Wie es euch gefällt) erinnert. Dadurch hatten die Erzählungen für mich auch immer eine positive Grundstimmung, denn Shakespeares Komödien gehen ja immer gut aus...

Nach ein bißchen Eichendorff-Pause werde ich bestimmt auch noch andere Erzählungen von ihm lesen.

Viele Grüße
thopas

Offline Wolf

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #16 am: 7. Juli 2008, 17:59 »
Hallo thopas,

Zitat von: thopas
Eichendorff gelingt es sehr gut, einem ein richtiges Urlaubsgefühl zu vermitteln. Es scheint ja fast immer schönes Wetter zu sein, das Morgengrauen immer frisch und der Abend immer in goldenes Licht getaucht.

die Landschaftsbeschreibungen, auch die Beschreibungen der Gebäude (meist Schlösser) und Gartenanlagen sind bei Eichendorff tatsächlich eher allgemein gehalten, er vermeidet es, spezifische Details zu schildern. Durch diese eher unscharfen, typhaften Beschreibungen erscheint das alles wie eine verzauberte Märchenwelt mit einsamen Schlössern, die von romantischen Gärten umgeben sind, in denen geheimnisvolle Marmorstatuen stehen. Solche Motive wie die Sommernacht, Marmorstatuen, die dämonische verführerische Frau usw. kommen in verschiedenen Eichendorff-Geschichten immer wieder vor.

Typisch ist auch, daß sich die Verwicklungen einer abenteuerlichen Geschichte voller rätselhafter Geschehnisse schließlich ganz einfach auflösen und alles sein (gutes) Ende findet. Das ist beim Taugenichts so oder beispielsweise auch in der "Entführung", wo man sich fragt, wie das wohl alles ausgehen wird, und plötzlich ist der prosaische Schluß da, und man reibt sich verwundert die Augen und fühlt sich, als wäre man aus einem wilden Traum erwacht.

Schöne Grüße,
Wolf

Offline sandhofer

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #17 am: 7. Juli 2008, 18:11 »
[...]in einem zweiten Eichendorff-Thread (vielleicht könnte man die beiden Threads zusammenlegen?  :winken:) [...]

Sieh mal einer an - dessen war ich mir gar nicht bewusst. Und dann noch in der Nicht-Klassiker-Abteilung ... tse, tse, tse ... Danke für den Hinweis! Die Zusammenlegung ist erfolgt.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline thopas

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #18 am: 8. Juli 2008, 12:07 »
die Landschaftsbeschreibungen, auch die Beschreibungen der Gebäude (meist Schlösser) und Gartenanlagen sind bei Eichendorff tatsächlich eher allgemein gehalten, er vermeidet es, spezifische Details zu schildern. Durch diese eher unscharfen, typhaften Beschreibungen erscheint das alles wie eine verzauberte Märchenwelt mit einsamen Schlössern, die von romantischen Gärten umgeben sind, in denen geheimnisvolle Marmorstatuen stehen. Solche Motive wie die Sommernacht, Marmorstatuen, die dämonische verführerische Frau usw. kommen in verschiedenen Eichendorff-Geschichten immer wieder vor.

Typisch ist auch, daß sich die Verwicklungen einer abenteuerlichen Geschichte voller rätselhafter Geschehnisse schließlich ganz einfach auflösen und alles sein (gutes) Ende findet. Das ist beim Taugenichts so oder beispielsweise auch in der "Entführung", wo man sich fragt, wie das wohl alles ausgehen wird, und plötzlich ist der prosaische Schluß da, und man reibt sich verwundert die Augen und fühlt sich, als wäre man aus einem wilden Traum erwacht.

Hallo Wolf,

das hast du sehr schön beschrieben. Man kommt sich vor, als wäre man in einem Traum. Auch die Farben, die immer wieder erwähnt werden (goldenes Licht, das durch das grüne Laub der Bäume schimmert, der blaue Himmel, das Abendrot) lassen einen vom Sommer träumen. Die Farben erinnern mich fast ein bißchen an die Merchant-Ivory-Literaturverfilmungen (z.B. Zimmer mit Aussicht, Howards End, Maurice), in denen auch immer die Farben Grün, Beige, Weiß und Blau vorherrschen (zumindest in meiner Erinnerung). Das gibt dann so eine Stimmung, als würde man in der Sonne liegen und vor sich hin träumen...

[...]in einem zweiten Eichendorff-Thread (vielleicht könnte man die beiden Threads zusammenlegen?  :winken:) [...]

Sieh mal einer an - dessen war ich mir gar nicht bewusst. Und dann noch in der Nicht-Klassiker-Abteilung ... tse, tse, tse ... Danke für den Hinweis! Die Zusammenlegung ist erfolgt.

Danke, sandhofer  :winken:

Viele Grüße
thopas

Offline Vult

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #19 am: 29. September 2015, 09:02 »
Hallo,

um diesen Themenordner einmal wieder mit Leben zu füllen habe ich eine Frage: welche gut kommentierte Gesamtausgabe der Werke Joseph von Eichendorffs könntet ihr mir empfehlen?

Ich habe eine schon etwas ältere Ausgabe der ausgewählten Werke Eichendorffs (deutsche Buchgemeinschaft), aber die sagt mir nicht so recht zu.

Grüße, Vult

Offline GinaLeseratte

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #20 am: 29. September 2015, 17:18 »
Hallo Vult,

ich kenne zwar die Eichendorff-Ausgabe vom Deutscher Klassiker Verlag nicht, aber anderes vom Verlag - die Ausgaben sind wirklich ausführlich kommentiert. Dort gibt es Eichendorffs "Werke in sechs Bänden", zumindest teilweise auch im Taschenbuch.

Gruß, Gina

Offline sandhofer

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #21 am: 29. September 2015, 19:44 »
Ich finde für mich eigentlich die alte DDR-Ausgabe in drei Bänden (Aufbau-Verlag, 1962) durchaus und immer noch genügend. Wenn Du die auftreiben kannst...
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Offline Vult

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #22 am: 30. September 2015, 07:43 »
Hallo Vult,

ich kenne zwar die Eichendorff-Ausgabe vom Deutscher Klassiker Verlag nicht, aber anderes vom Verlag - die Ausgaben sind wirklich ausführlich kommentiert. Dort gibt es Eichendorffs "Werke in sechs Bänden", zumindest teilweise auch im Taschenbuch.

Gruß, Gina

Danke für den Hinweis, GinaLeseratte,

aber die kommentierte Ausgabe vom Klassikerverlag, die für mich interessant wäre, die ist mir unerschwinglich.

Grüße,

Vult

Offline Vult

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #23 am: 30. September 2015, 07:53 »
Ich finde für mich eigentlich die alte DDR-Ausgabe in drei Bänden (Aufbau-Verlag, 1962) durchaus und immer noch genügend. Wenn Du die auftreiben kannst...

Hallo Sandhofer,

der Tip mit dem Aufbau-Verlag, der ist Gold wert. In dieser Ausgabe sind auch die Briefe mit aufgenommen, im Band 3, und so habe ich mir diese Ausgabe dann sofort bestellt. Ich habe vom Aufbau-Verlag auch die 8 Bändige Ausgabe von Tschechow, die von Tolstoi (13 Bände) und die Werkausgabe von Thomas Mann (einschließlich Briefe und Essays) und bin damit höchst  zufrieden.

Der Aufbau Verlag überhaupt hat da damals schon einge Raritäten verlegt, wenn ich da an Robert Walser, Turgenjew, Bibliothek der Antike und vieles mehr denke, das sind schon feine Sachen.

Grüße,

Vult

Offline GinaLeseratte

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #24 am: 30. September 2015, 08:07 »
Danke für den Hinweis, GinaLeseratte,

aber die kommentierte Ausgabe vom Klassikerverlag, die für mich interessant wäre, die ist mir unerschwinglich.

Grüße,

Vult

Mir auch.
(Darauf hinweisen wollte ich trotz des Preises, es soll ja Menschen geben, die sich das "einfach so" kaufen.  :zwinker: - Ich halte mich lieber an die Taschenbuchausgabe, wenn ich denn mal was aus der Reihe möchte.)

Gruß, Gina

Offline finsbury

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #25 am: 30. September 2015, 19:34 »
Eichendorff ist im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Autoren auch nicht sonderlich schwierig: Da braucht man keinen 1000-seitigen Apparat, um seine Schriften, insbesondere seine Gedichte zu verstehen. Sie sind so wunderschön wie schlicht und aus sich selbst verständlich, vielleicht mit ein wenig Hintergrundwissen zur Romantik, was man hier wohl voraussetzen kann.
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline JHNewman

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #26 am: 16. Mai 2017, 16:16 »


'Ahnung und Gegenwart' (entstanden 1810-1812, veröffentlicht 1815)
Ich habe das Buch für unser diesjähriges Leseprojekt ausgewählt, und bin sehr froh, danach gegriffen zu haben.

Im Zentrum der Handlung stehen die beiden Männerfiguren Friedrich und Leontin, beide adlig, die sich auf ausgedehnten Reisen treffen, verlieren, wiederfinden etc. Um sie herum gibt es weitere zentrale Figuren, zunächst die Frauen Rosa (Leontins Schwester), Julie und die Gräfin Romana, sowie einige wichtige Nebenfiguren wie den Dichter Faber, den Knaben Erwin (der sich im Verlauf der Handlung als Mädchen erweist), das Mädchen Marie und Friedrichs verschollenen Bruder Rudolf.

Die Handlung ist gekennzeichnet durch häufig wechselnde Schauplätze, eine rasche Folge auch von Begegnungen, Beziehungen und Abschieden und Verlusten. Es ist zu verworren, als das ich das hier wiedergeben könnte. Die Hauptfiguren tauchen aber immer wieder auf, treffen auch in den verworrendsten Situation (Krieg, Unruhen) wieder aufeinander oder finden sich in nächtlichen, traumhaften Szenen und unter mysteriösen Umständen wieder. Nicht selten werden dabei dann bisher verborgene Tatsachen über ihre Herkunft und Vergangenheit enthüllt. Bei aller Konstruiertheit der Handlung und verwirrenden Sprüngen bleibt das Buch daher immer kurzweilig und spannend. Unterbrochen wird die Handlung immer wieder durch Lieder, die von den beteiligten Personen gesungen werden oder von außen her in die Handlung hineinklingen. Man hört ja viel in romantischen Romanen, ständig singt es von irgendwoher, es klingt ein Waldhorn, es ruft ein Vogel, die Natur ist ständig präsent.

Besonders haben mich an diesem schönen Roman zwei Dinge beeindruckt: die humoristischen Einwürfe, in denen Eichendorff ganz wundervoll etwa ein sentimentales Paar am Rande einer nächtlichen Feier belauscht, das sich in Herzensergießungen ergeht, wobei es vor allem darauf ankommt, dann doch die Finger in die Klamotten zu bekommen...

Eine andere großartige Szene ist die Schilderung einer ästhetischen Teegesellschaft, bei der literarische Texte vorgetragen werden (vornehmlich natürlich Poesie) und die Eichendorff mit einer solchen Bissigkeit beschreibt, dass man wirklich laut lachen muss. Eine der Teilnehmerinnen wird nur als 'die Schmachtende' bezeichnet, ein anwesender Dichter schaut immer sehr angeregt in eine Richtung während er spricht. Der Beobachter, der außerhalb des Salons steht, nimmt an, dort sitze eine junge Dame, die der Dichter beeindrucken will. Dann jedoch bemerkt er, dass dort nur ein Spiegel hängt, in dem der Dichter sich beim Reden selbst bewundert. Das ist urkomisch.

Das zweite war die Aufnahme der gesellschaftlichen, politischen und geistesgeschichtlichen Konflikte. Die Romantik als Bewegung ist ja auch die Antwort auf Spannungen und Konflikte ihrer Zeit. Die Fragen nach politischen Umbrüchen (beginnender Nationalismus, Auseinandersetzung mit Frankreich, Herausbildung einer neuen nationalen Identität), die Modernisierung (welche Elemente der alten Identität sollen bewahrt werden, welche Bedeutung hat das 'altdeutsche' noch für Kunst und Leben?), ebenso die Frage nach der Säkularisierung in ihrer Auswirkung auf Kunst, Philosophie und Poesie. All diese Fragen werden teilweise immanent, teilweise explizit abgehandelt. Jede der Hauptfiguren wählt am Ende einen Weg für sich, mit dem sie auch die Grundfragen der Zeit für sich beantwortet. Friedrich wählt nach vielen Versuchen in Kunst, Leben und Philosophie für sich den Weg des Glaubens und der Weltabgewandtheit. Er geht ins Kloster. Leontin und Julie wandern in die Neue Welt, um dort ein tätiges und aktives Leben zu führen. Rudolf wendet sich der Magie und der dunklen Seite des Lebens zu und bricht nach Ägypten auf.

In einem hinreißenden Schlußkapitel werden diese Lebensentwürfe entwickelt und vorgestellt. Das hat mir große Freude gemacht.


« Letzte Änderung: 16. Mai 2017, 17:39 von JHNewman »

Offline finsbury

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Re: Joseph von Eichendorff
« Antwort #27 am: 16. Mai 2017, 17:35 »
Eine sehr schöne Vorstellung, die mir den Roman wieder besser erinnerlich machte. Vielen Dank dafür!

Die Ausführungen dazu, wohin sich die Schicksale der Protagonisten nach Ende der Handlung bewegen werden, erinnern doch sehr an Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre. Interessant, den der erschien erst 1821. Sollte sich Goethe tatsächlich an Eichendorff inspiriert haben?
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