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Noch einmal zu meiner oben genannten Meinung, dass Wasseermanns Frauengestalten oft keine eigenständige Rolle haben.
Ich meinte das nicht in dem Sinne, dass sie mir zu wenig emanzipiert seien oder etwas in der Art, sondern ausschließlich im Sinne ihrer Funktion innerhalb der Erzählung. Der Wahnschaffe ist dafür kein gutes Beispiel, da die Frauengestalten, allen voran Ruth, Eva, auch Evas "Impresario" Susanne Rappard und Anselm Voß' Freundin Johanna Schöntag, ein berichtenswertes Eigenleben haben. Es gibt ganze Kapitel, die nur von ihnen, ihren Gefühlen und ihrem Erleben handeln. Andere Frauengestalten Wassermanns, vor allem die im "Gänsemännchen", existieren nur in ihrer Beziehung zur mänlichen Hauptperson. Das meine ich nicht wegen der Dinge, die sie tun oder nicht tun, sondern wegen der Art und Weise, wie über sie erzählt wird.
Natürlich ist Daniel Nothafft, der Protagonist im Gänsemännchen, ein klassisches Beispiel für diese Art des Erzählens; vielleicht ist das überhaupt eher ein Problem des "Künstlerromans" als ein Wassermannsches Problem. Ein ähnliches Beispiel wäre etwa auch Zolas Künstlerroman "Das Werk". Der Protagonist, natürlich immer ein Mann  (ein weibliches Gegenstück würde mich interessieren!), unterwirft alles, was in seinem Umfeld lebt und wirkt, seinem künstlerischen Ziel. Alle Mitmenschen haben nur die Funktion von Trabanten, die ihm entweder nützen oder ihn behindern. Ganz übel wird das natürlich, wenn so ein Mensch etwa Vater wird.

Wie gesagt ärgert es mich immer furchtbar, so etwas zu lesen, aber ich weiß jetzt nicht, ob das mit Wassermanns Stil zusammenhängt oder einfach mit der Wahl seines Themas. Von der "Geschichte der jungen Renate Fuchs", die ich im letzten Jahr gelesen habe, war ich sehr enttäuscht; die Hauptfigur bleibt blass und ihr Handeln nicht nachvollziehbar. "Laudin und die Seinen" und "Ein Mann von vierzig Jahren" habe ich vor längerer Zeit gelesen, und wenn ich mich richtig erinnere, geht es in beiden Büchern um Männer, die ihre Familie verlassen; allerdings war das Porträt der verlassenen Frau im "Mann von vierzig Jahren" sehr differenziert und einfühlsam.

Später (morgen oder übermorgen) mehr zu Deinen anderen Bemerkungen - auch zu Karen Engelschall, über die ich gern noch etwas schreiben würde.
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Grossspurig hatte ich ja versprochen, am Nachmittag ausfuehrlich zu schreiben. Daraus ist nichts geworden. Ich hatte mein Pulver offenbar erst mal weitgehend veschossen. Aber, was mir noch in den Sinn gekommen ist: Ausser den Frauen gibt es ja auch eine Menge sehr unterschiedlicher Maenner, nicht nur den Cromme, sondern auch den spaeter umgefallenen Revolutionaer Becker, den fuer mich undurchsichtigen reichen russischen Vereherer und Finanzier Eva Sorels, dann Anselm Voss, den Bruder Karens, den Auswandererer von Stetten u.a. Auch deren Funktion im Gesamtgefuege ist mir nicht wirklich klar.
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Nicht kanonisch, modern, Generelles / Re: Was lest ihr gerade?
« Letzter Beitrag von JMaria am Gestern um 12:36 »



Intelligent, humorvoll, informativ! Toll gemacht !

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Hallo zusammen!

Suse wird am Sonntag, 25.02.2018, auf eine neue Software für dieses Forum umstellen. Das bedeutet, dass das Klassikerforum für einige Zeit nicht erreichbar sein wird. Und dass das Forum danach ein wenig anders aussehen wird. (Wer auf leserunden.de dabei ist oder sich mal rein klickt, kriegt eine Idee davon, wie es etwa aussehen wird.

Grüsse

sandhofer
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Schade, dass ich das jetzt erst gesehen habe. Proust ist fuer mcih die wahre Entdeckung der Langsamkeit. Wunderbar. Mit der Gefangenen und der Entflohenen ist es mir allerdings so gegangen wie finsbury: Ich habe mich EINmal hindurchgequaelt. beim zweiten Mal lesen, habe ich mir die Teile geschenkt. Dafuer liebe ich die anderen, vor allem Combray, umso mehr. Hab die "alte" Uebersetzung von Rechelle-Mertens. M.E. schoene Sprache.   
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Du schreibst: "Ich bin schon recht dankbar, dass ich mir hier den Raum nehmen darf, über den Roman zu erzählen ..."
Schreib immer weiter, ich kann gar nicht genug davon kriegen. Heute Nachmittag will ich ausfuehrlicher auf Deinen Text eingehen, jetzt nur soviel: Du hattest bereits bei Kaspar Hauser geschrieben, dass - nach Deiner Meinung - Wassermann kein Frauenversteher sei. Mag sein, aber gerade im Wahnschaffe treten sechs sehr unterschiedliche und ziemlich differerenziert geschilderte Frauen auf. Dir scheint besonders wichtig zu sein, dass die Frauen als ausgereifte selbstbeswusste Persoenlichkeiten auftreten oder sich dazu entwickeln, entfalten (koennen). Fuer mich sind aber mindestens geradeso interessant die Frauen, die aus welchen Gruenden auch immer, in ihrer Entwicklung behindert werden und dann zu "Krueppelkiefern" oder vom Sturm schief gewehten Individuen werden. Eine der interesantesten Figuren in dieser Hinsicht ist fuer mich Johanna, die mit sehr viel Sympathie und Kunst gezeichnet ist. Deren "Funktion" im Roman mir aber nicht recht klar ist, aber das ist ueberhaupt ein Punkt in diesem Roman: Es wird ja ein ganzes Welttheater aufgefuehrt: Paris, Wien, Argentinien, Moskau, die Krim, das Staedtchen am Rhein, das Schloss im Odenwald, Berlin dazu ein Haufen Personal. Ich fand das alles SEHR interessant, aber MIR ist nicht ganz kalr geworden wozu er das alles braucht, jedoch denke ich, dass es schon alles "irgendwie" zueinander in Beziehung steht(?). Es waere fuer mich interessant, ob Du da einen Zugang hast.   
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Nicht kanonisch, modern, Generelles / Re: Preis der Leipziger Buchmesse 2018
« Letzter Beitrag von JHNewman am Gestern um 09:02 »
Nun habe ich das dritte Buch von der Nominierungsliste (an)gelesen.

Anja Kampmann, Wie hoch die Wasser steigen



Erzählt wird die Geschichte von Waclaw, der auf einer Öl-Bohrplattform im Atlantik arbeitet. Sein engster Freund und Kollege Matyas verschwindet in einer stürmischen Nacht von der Plattform, wahrscheinlich ins Meer gespült. Waclaw gerät in eine tiefe Krise der Trauer und des Verlusts und macht sich auf zu einer Reise nach Ungarn (der Heimat Matyas) und zu Orten seines eigenen Lebens.

Die Autorin kommt von der Lyrik her, das macht das Buch sprachlich intensiv, poetisch und bildreich. Mir persönlich war es zu metapherngeladen, letztlich blieb aus meiner Sicht die Autorin dabei, Bilder zu malen, Landschaften und Stimmungen zu beschreiben. Eine wirkliche Geschichte wurde daraus nicht, es blieb langweilig, sodass ich nach 100 Seiten nicht mehr weiter lesen mochte.

Für Leserinnen und Leser, die atmosphärisch dichte Beschreibungen mögen und sich darin verlieren, durchaus ein empfehlenswertes Buch. Für Leser, die sich etwas mehr Bewegung und Handlung wünschen, eher nicht.

Auch in diesem Buch geht es um Trauer, es ist also vom Genre her - obwohl stärker romanhaft - dem Buch von Esther Kinsky sehr ähnlich. Esther Kinsky jedoch ist darin für mich weitaus überzeugender. Ihr Buch tröstet, ohne trösten zu wollen - formulierte jemand im Feuilleton. Indem sie weniger einsetzt an sprachlicher Intensität, erreicht sie mehr. Bei Anja Kampmann wirkt das doch - bei aller Kunst - auf mich auch sehr bemüht.


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