Klassikerforum

Gast


Autor Thema: Wozu Bildung?  (Gelesen 11463 mal)

Offline Sir Thomas

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1969
Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #30 am: 16. Mai 2011, 16:07 »
Auf Literatur, Kunst, Musik und Philosophie kann man noch am ehesten verzichten.

Ja, Harald, wir sollten alle so werden wie Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier und Philipp Rösler! Die haben in ihren technokratischen Denkweisen ebenfalls keinen Platz für derlei Verzichtbares. 

LG

Tom

Offline scheichsbeutel^

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 265
Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #31 am: 16. Mai 2011, 19:28 »
In meiner Umgebung ist das nicht mehr gratis, da die Komunen einfach sparen (am falschem Ende m. M. n.) und nun auch von Kindern und Jugendlichen 10 € Jahresbeitrag berappen, und so viel ich weiß gilt dort keine Sonderregelung für Hartz IV Kinder. Das ist ein geringes Entgelt, sicherlich, aber für manche doch unerschwinglich. Und da ich nicht möchte, dass eine künftige Leseratte dieses Geld klaut, könnte man doch ...

Natürlich sollte es gratis sein. Aber an den 10 Euro liegt's sicher nicht. Das sind Beträge, die dann für etwas bereit stehen, wenn dieses etwas als erstrebenswert angesehen wird. (Es dürfte ja offenkundig sein, dass, selbst wenn man diese 10 Euro für die Bibliotheksbenützung abschaffen würde, es deshalb in der betreffenden Stadt nicht einen jugendlichen Hartz IV-Benutzer mehr gäbe. Oder verfolge das Gedankenbeispiel von zuvor weiter: Wer von den plötzlich mit den 3000 Euro Bedachten wird dann erstmal erleichtert feststellen, dass er nun endlich die bisher unerschwinglichen 10 Euro für die Bücherleihe zahlen könne ;).) Die Frage stellt sich anders: Wie schafft es die Gesellschaft, Bildung (Bücher, Lesen) nicht als langweilig, antiquiert, verstaubt darzustellen, sondern als spannend, interessant, wichtig, "cool", als ein Akzidens, das in einer Peer-Group vorzeigbar ist, den Status erhöht? Das lässt sich nicht auf Knopfdruck ändern, kann wahrscheinlich nur vorgelebt werden (von Eltern, Lehrern, Politikern ...).

Wichtig aber ist nicht nur diese Statuserhöhung durch Wissen (sonst endet man wie Guttenberg & Co, die ihre Doktortitel einzig des Renomees wegen haben wollten), noch wichtiger scheint, dass man den Spaß an Bildung vermittelt. Ich lese ja auch nicht, um zu imponieren oder Geld zu verdienen (das mag ein angenehmer Nebeneffekt sein), sondern weil's mir Freude macht. (Sodass ich, wenn ich spät nachts das Licht lösche und das Buch weglege, mich auf den nächsten Morgen freue, der mir ein Weiterlesen verspricht.) Ob Geistes- oder Naturwissenschaftliches: Das Schöne, Spannende, Interessante daran muss vermittelt werden - und das kann man auch. Ist allerdings anstrengend und stößt auf Schwierigkeiten: Meiner Erfahrung nach sind diese vor allem bürokratischer (in allen Bildungsinstitutionen wird hauptsächlich auf "Pläne" geachtet, diese dienen als Feigenblatt für Unsinnigkeiten und eingebildete Notwendigkeiten) bzw. gesellschaftlich-psychologischer Natur (ob klein, ob groß, die Frage nach dem "und wozu kann ich das brauchen", wobei "brauchen" für ökonomischen Nutzen steht, kommt allerorten, nicht nur der Schüler, auch der Student beschwert sich "Sprachphilosophie, ach, brauch ich nicht, ich geh ja ohnehin nur unterrichten").

Frau Merkel ist im übrigen ein gutes Beispiel für die Nutzlosigkeit naturwissenschaftlicher Kompetenz, da ihre Entscheidungen von diesem ihrem Wissen offenbar nicht im mindesten berührt werden. Sie unterscheidet sich damit nicht vom civis communis, der seine Entscheidungen ähnlich pragmatisch-egoistisch trifft: Auch wenn der Einzelne vielleicht von der Unsinnigkeit einer Maßnahme überzeugt ist, so wird er sie dann begrüßen, wenn sie ihm einen (finanziellen) Vorteil verspricht.

Im Grunde enden solche Diskussionen immer in der Sehnsucht nach einem "neuen Menschen", einem Menschen, der nicht nur gebildet, informiert ist (die Voraussetzung), sondern der dieses sein Wissen verantwortlich einsetzt und seine Handlungen entsprechend setzt. Die Erfahrung aber zeigt, dass Wissensvorsprung, Kompetenz etc. sowohl für egoistische Interessen eingesetzt werden kann (weshalb der intelligente Verbrecher der gefährlichere ist) als auch für vernünftige, vielleicht uneigennützige Ziele, die das Wohl der Menschheit befördern. Diesen Menschentypus also gälte es zu "bilden", jenen, der mit dem erworbenen Wissen verantwortungsvoll umgeht. Utopia Ende.

Grüße

s.

Offline Krümel

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 531
    • Gedankenwelten
Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #32 am: 16. Mai 2011, 22:46 »
Aber an den 10 Euro liegt's sicher nicht.

Doch bei meinem Hartz IV Empfänger Kind sehr wohl, da sein Vater statt der 300 € Hartz IV auch die 3000 € versaufen würde, oder Flachbildschirme, sich wieder ein Auto oder sonst was kauft. Beim Kind kommt das nicht an, ob die Merkel dem Kind 5 € gönnt oder du gar der Familie 3000 €  :zwinker: Das macht bei mir keinen Sinn.

Und natürlich würde die Bücherei nicht überlaufen werden, wenn sie für Kinder kostenlos wäre. Aber es reicht, wenn eine handvoll Kinder aus unteren Schichten dieses Angebot nutzen würden. Darum geht es mir.

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline scheichsbeutel^

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 265
Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #33 am: 16. Mai 2011, 23:07 »
Aber an den 10 Euro liegt's sicher nicht.

Doch bei meinem Hartz IV Empfänger Kind sehr wohl, da sein Vater statt der 300 € Hartz IV auch die 3000 € versaufen würde, oder Flachbildschirme, sich wieder ein Auto oder sonst was kauft. Beim Kind kommt das nicht an, ob die Merkel dem Kind 5 € gönnt oder du gar der Familie 3000 €  :zwinker: Das macht bei mir keinen Sinn.

Und natürlich würde die Bücherei nicht überlaufen werden, wenn sie für Kinder kostenlos wäre. Aber es reicht, wenn eine handvoll Kinder aus unteren Schichten dieses Angebot nutzen würden. Darum geht es mir.

Jetzt erst meine ich deine Schilderung verstanden zu haben. Ich ging davon aus, dass es für die Eltern unerschwinglich wäre. Verstehe ich dich richtig: Das Kind will in eine Leihbücherei, erhält aber von zu Hause kein Geld, würde das Angebot aber nutzen, wenn es gratis wäre. Das ist dann wirklich tragisch (aber wohl auch ein seltener Fall). Ich glaube, dass ich dem Kleinen diese Gebühr "leihen" würd.

Scheint aber - zumindest was meine Erfahrung betrifft - ein Ausnahmefall zu sein: In der hiesigen Bibliothek (nun "Infothek") hat man 10 Computer angeschafft. Sind zumeist von Jugendlichen besetzt, deren Tätigkeit sich ausschließlich aufs Chatten beschränkt (empirischer Wert, ich kann nicht ausschließen, dass die Computer in meiner Abwesenheit nicht auch mal zur Informationsbeschaffung genutzt wurden, gesehen habe ich das noch nie). Keinen einzigen dieser Jugendlichen habe ich je in der Freihandbibliothek gesehen (weit über 60 000 Bücher, dazu alle Tageszeitungen, viele Zeitschriften, Hörbücher, CDs, DVDs - alles gratis).

Grüße

s.

Offline Poppea

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 243
Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #34 am: 17. Mai 2011, 09:48 »
, in Ö sind die meisten Bibliotheken gratis oder verlangen ein sehr geringes Entgelt.

In meiner Umgebung ist das nicht mehr gratis, da die Komunen einfach sparen (am falschem Ende m. M. n.) und nun auch von Kindern und Jugendlichen 10 € Jahresbeitrag berappen, und so viel ich weiß gilt dort keine Sonderregelung für Hartz IV Kinder. Das ist ein geringes Entgelt, sicherlich, aber für manche doch unerschwinglich. Und da ich nicht möchte, dass eine künftige Leseratte dieses Geld klaut, könnte man doch ...


Das Lesen in den Bibliotheken ist auf jeden Fall umsonst. Das Entleihen nicht immer. Aber auch hier gibt es eben diejenigen, die "es wissen wollen" und den Rest. Ich habe schon mehrfach Obdachlose in der Bibliothek lesen sehen.

Offline Krümel

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 531
    • Gedankenwelten
Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #35 am: 17. Mai 2011, 10:35 »
Ich glaube, dass ich dem Kleinen diese Gebühr "leihen" würd.

Eben, wir werden Paten. Klar ist das eine Ausnahme, die es aber gibt. Aber was heißt bei dir leihen? Müsste das Kind dir das Geld tatsächlich zurückgeben? Oder müsste es dir eher 2 Stunden vorlesen, aus Doderer oder so, quasi eine höhere Bildung eingehen  :breitgrins:

LG
Anita, die jetzt wieder hoch zu den Friesen fährt und ihnen künftig die Literatur näher bringt  :smile:
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Lost

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1479
Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #36 am: 17. Mai 2011, 11:44 »
Zu Hause habe ich ein Lexikon von 16 Bänden stehen und eine Auswahl von Fach- und Sachbüchern und Speziallexikas. Wenn ich was wissen will, dann mache ich aber seit geraumer Zeit den Rechner an und informiere mich zunächst im Internet.
Die Vorstellung einen Roman in einer Bibliothek zu lesen gruselt mich, die dulden keine Schokolade im Lesesaal und haben keine Liegen . Die Stadtbibliothek wird nach meiner Erfahrung aber schon von Schülern frequentiert, weil dort auch viel schulgerechte Fachliteratur vorhanden ist.
Meine beiden Töchter lesen auf dem Schmöckerniveau, wie ich es vorwiegend in meiner Kindheit und Jugend tat, aber logischerweise hat die DVD einige Lesezeit gefressen. Weshalb ich auch "Hochliteratur" als Jugendlicher laß, obwohl ich keine Bildung in dieser Richtung "genossen" habe, ist mir immer noch nicht klar (die standen halt als Bertelsmannausgabe im Regal meiner Eltern) . Allerdings hatte ich dann in der Abendschule Lehrer, die ich gerne mochte und die mich zum Lesen von etwas gehaltvollerer Literatur anregten (dann kam auch noch die Aufbruchsstimmung und damit ein alternativer Bildungshunger der 68iger dazu).
Wenn ich mir vor Augen halte, welche unterschiedlichen Unterhaltungs- und Informationsformen dagenen heute den Kindern angeboten werden, und wie lieblos meine Kinder in der Schule "ausgebildet" wurden, dann ist es doch kein Wunder, wenn die Aneignung von Wissen anders erfolgt, als in den 50iger/60iger Jahre. Außerdem ist der Schule so viel mehr Stoff dazugekommen, dass natürlich die Gründlichkeit leidet.
Bildung als gesellschaftliches Phänomän hat schon lange zunächst die Aufgabe die wirtschaftliche Position einer Gesellschaft zu stärken und hat sich deshalb in die entsprechende Richtung entwickelt. Wenn wir jetzt in Europa unsere wirtschaftliche Macht an andere Erdteile abgeben und Mangelerscheinungen auftreten, dann ist die Konsequenz Bildung auf das kurzfristige Ziel den Niedergang zu verlangsamen und auf Ausbildung zu reduzieren doch abzusehen, wenn auch bedauerlicherweise.
Außerdem, so ist mein Eindruck, hat das Häuflein der klassisch geisteswissenschaftlich Gebildeten im Kulturbetrieb noch immer so viel Einfluss, dass es die kulturelle Bedeutung der Naturwissenschaften als Technokratie herabwürdigen kann und damit einfach die eigene Unfähigkeit Wissenschaft und Bildung umfassend zu sehen als Bildungstugend darzustellen.

Offline Alice

  • Jr. Member
  • **
  • Beiträge: 28
Re: Wozu Bildung?
« Antwort #37 am: 19. Mai 2015, 18:02 »
Bildung bedeutet für mich, sich auf Gebieten wie Politik, Länderkunde, Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften (+Musik und Kunst) Grundlagen zu schaffen. Dass man sich für ein Thema besonders interessiert und darin ein Expertentum anstrebt, kommt ja nicht selten vor aber ich halte es für wichtiger sich Grundlagen zu schaffen auf denen man aufbauen kann.

Ich selbst komme aus einer sehr armen Familie. Hartz vier habe ich seit meinem 16 Lebensjahr live erfahren. Aber ich hatte das Glück dass meine Mutter auf Bildung immer viel Wert gelegt hat und mich dahingehend ermutigte. Ich konnte mir immer Bücher aus dem Schrank nehmen und lesen was ich wollte um dann mit ihr darüber zu sprechen. Und obwohl das also nicht der klassische Bildungshaushalt war und ich immer auf scheiß Schulen gehen musste, ist Wissen doch inzwischen mein höchstes Ziel geworden. Lernen, lesen, diskutieren, bestimmen mein Leben seit jeher. Deshalb denke ich dass Bildung etwas Wesentliches ist und auch dass noch mehr getan werden muss um diese Tatsache zu vermitteln. Im Studium haben wir Mentees, die sich um die Studienanfänger kümmern und sie unterstützen. So etwas könnte ich mir auch an Schulen vorstellen. Jemand der den Kindern zeigt, was alles möglich ist wenn man sich ein bisschen mehr anstrengt und wie viel Spaß es macht das große Puzzlespiel der Welt immer ein wenig mehr zu verstehen.
Gruß,
Alice

 

Weblinks

Facebook

Internes

Impressum & Kontakt Datenschutzerklärung