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Autor Thema: Wozu Bildung?  (Gelesen 11464 mal)

Offline Krümel

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #15 am: 13. Mai 2011, 13:27 »
Die soziale Abschließung dieser Schicht gegen etwaige Aufsteiger variiert durchaus, und das sehr stark, ebenso wie das Engagement eines Staates bei der Förderung demokratischerer Bildungschancen. Aber egal, scheint hier eh keinen zu interessieren.

Nö, und eigentlich sogar sehr, aber irgendwie wurde deine Eingangsfrage nicht als solche s. o. verstanden.

Generell würde ich sagen, dass Deutschland durch ein marodes Bildungssystem, die meisten Schulen stammen aus den 70 er und wurden nur ein wenig aufgepäppelt, aber nie saniert, von techn. Gerätschaften (auch Computer für den Unterricht) ganz zu schweigen, meist kann man froh sein, wenn im Winter die Heizung funktioniert  :zwinker:, die Aufstiegs-Chancen für die sozial Schwachen äußerst schwierig sind und sich lieber anderen Themen witmet wird. Die benötigten Gelder werden eben anderen Dingen zugefügt, aus diesem Grund wird "die Bildung" dann sicherlich ein Privileg eines Klüngel sein, der keine finanziellen Probleme hat. Fakt dabei ist dann, dass wir uns unsere Hartz IV Empfänger selber heranziehen und wir aus diesem Sumpf nicht mehr heraus kommen.

Jedoch (ganz naiv formuliert): wenn man irgendwas draus macht, also die Bildung im richtigen Leben auf irgendeine Art und Weise umsetzt, sie sinnvoll nützt, zu "guten Taten" werden lässt ... dann ist sie eine tolle Sache. Ansonsten bleibt sie irgendwie doch bloß intellektuelle Masturbation.

Deinen letzten Satz fand ich stark  :smile: Und ja, ich habe mir nach meinen Umzug vorgenommen mich evtl. irgendwie mit Kindern zu beschäftigen, Nachmittagsbetreuung für berufstätige Eltern ... mal schauen, der Gedanke reift noch, vielleicht kann man Kinder zur Literatur bringen, aber sicherlich zur Natur und Hunde  :zwinker: ... ich werde was finden. Automatisch gibt man da etwas weiter, und ja nennt es Bildung  :breitgrins:
« Letzte Änderung: 13. Mai 2011, 18:46 von Anita »
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Librerio

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #16 am: 13. Mai 2011, 20:39 »


Na ja, Bildung hat ja noch andere Dimensionen. Sie ist z.B. eine Ressource, die grade in die Hände eines wohlhabenden, sich sozial abschließenden Klüngels wandert und damit wieder zum Privileg einer bestimmten Schicht wird.

Dabei stünde sie jedermann/-frau offen heutzutage, der nur wollte. All die Bücher in Bibliotheken, im Netz - aber die "Ausgeschlossenen" ziehen dann doch lieber den Flachfernseher vor... Insofern: Vielleicht schließen sie sich ja selber aus?
"Man träumt viel vom Paradies, oder vielmehr von verschiedenen, wechselnden Paradiesen, die doch alle verloren sind, bevor man stirbt, und in denen man sich selbst verloren fühlen würde." ("A la recherche du temps perdu")

Offline Poppea

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #17 am: 14. Mai 2011, 15:50 »
Die Schulen in Deutschland sind kostenlos, ebenso die Bibliotheken (zumindest kostenlos nutzbar ohne Entleihe, ehe hier gleich Proteste kommen). Bildung ist leichter erreichbar als je zuvor in der Geschichte des Menschen. Leider ist sie aber immer noch nur durch Lernen zu erreichen und lernen bedeutet Mühe, manchmal sogar Entbehrung. Ich glaube das kann heute niemand mehr zugemutet werden.

Wie ein Freund unserer Familie zu sagen pflegt, der aus Ghana stammt: In Deutschland bleibt es jedem überlassen, ob er Straßenfeger oder Arzt wird. Und das stimmt. Andererseits kenne ich einige Afrikaner mit abgeschlossenen Studium, die bereit sind schlechte Jobs anzunehmen, welche aber gut bezahlt sind, um den Kindern in ihrer Verwandtschaft den Schulbesuch in Afrika bezahlen zu können. Einer davon ist übrigens Müllmann.

Dort sieht man die Zukunft der Kinder noch als etwas Wertvolles an, wofür man selber auch gern mal zurücksteckt. Ich habe hier merkwürdiger Weise noch keinen der sogenannten Armen ohne Kippen und/oder Schnaps, Großbildfernseher und ähnlichen Unsinn gesehen.

Vor nur hundert Jahren sah das noch anders aus in Deutschland. Mein Urgroßvater war Schuhmacher und hatte sechs Kinder. Alle haben zwei Instrumente gelernt und soweit das jeweilige Talent reichte die höchste Schulbildung bekommen. Kinder wurden routinemäßig im Turnverein angemeldet, konnten stricken, stricken und stopfen. Lernten kochen, backen, putzen. In der Familie meiner Großmutter auch der einzige Sohn. Sowohl meine Mutter als auch ich mussten die gleichen Fähigkeiten erlernen. In Ermangelung von Geschwistern wurde ich in ein Internat gesteckt, damit ich kein völlig verzogenes Einzelkind würde.

Zeig mir doch bitte einmal ein einziges Elternpaar, das auf seinen Sommerurlaub verzichtet um seinem Kind eine teure Schule zu bezahlen! Oder das ein Auto pro Familie für ausreichend hält.

Meine Familie lebt in einem afrikanischen Land, welches zu den ärmsten 100 dieser Welt gehört. Armut sieht anders aus als HartzIV in Deutschland.

@Anita

Eine ältere Dame hier aus der Nachbarschaft ist "Lesepatin". Sie hilft Kindern lesen lernen und üben und auch bei der Suche nach geeigneten Büchern, damit das Lesen dann auch Spaß macht. Das ist doch eine sehr schöne Aufgabe.

Eine andere Dame hilft den Kindern, deren alleinerziehende Mütter arbeiten sind, bei den Hausaufgaben.

FeeVerte

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #18 am: 14. Mai 2011, 19:14 »
Also in meiner - zugegebenermaßen etwas zurückliegenden - Kindheit war es durchaus so, dass bildungswillige Kinder aus desolaten Milieus in der Schule ziemlich aggressiv ausgregenzt und von Bildungsangeboten regelrecht abgedrängt wurden. Die Selbstausgrenzung, die es natürlich auch gab, war nach meinem Eindruck reaktiv - ein Kind, das in der Schule geschlossen gemobbt wird, weil es aufgrund unhygienischer Familienverhältnisse stinkt, grenzt sich ja nun nicht freiwillig aus.

Was die fehlende Bildungsorienterung der sogenannten Unterschicht angeht, stimme ich dir (Poppea) auf jeden Fall zu. Mir stellt sich hier die Frage, ob eine deutlich autoritärere staatliche Fürsorge nicht doch ganz sinnvoll wäre.
Die Idee, dass man durch Bildung sozial aufsteigen kann, will, soll, scheint keinen großen Wert zu haben, keine Ahnung warum. Ähnlich wie die Ghanaer, von denen Du berichtest, sind auch vietnamesische Familien (naja, ich kenne zwei, kann also nicht wirklich verallgemeinern, aber vom Hörensagen usw.  :zwinker:) drauf.

(Muss jetzt Schluss machen, sonst ruiniere ich mich noch in diesem entsetzlich überteuerten Internetcafé, grrr)


Offline meier

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #19 am: 15. Mai 2011, 10:55 »
Zitat
(Muss jetzt Schluss machen, sonst ruiniere ich mich noch in diesem entsetzlich überteuerten Internetcafé, grrr)


Also hier in Wien gerade 1,50/h.

Gruß
Meier
"Es gibt andere Geschichten auf einem andern Blatt Papier, doch jede ist mit der ersten verwandt" * Keimzeit

Offline Krümel

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #20 am: 15. Mai 2011, 12:26 »
Also in meiner - zugegebenermaßen etwas zurückliegenden - Kindheit war es durchaus so, dass bildungswillige Kinder aus desolaten Milieus in der Schule ziemlich aggressiv ausgregenzt und von Bildungsangeboten regelrecht abgedrängt wurden.

Ich denke auch nicht, dass das Bildungsverhältnis ein reines Problem der "Unterschicht" ist, wobei es natürlich dort augenfällig wird. Aber bei einen Besuch in unserem Kreis aller führenden Schulen, also von Sonderschule, Hauptschule, Mittelschule, Gesamtschule und Gymnasium, waren beispielsweise alle Toiletten in einem derartigen (abartigen) Zustand - traurig das es so was gibt. Dann gibt es bei uns das Sprachproblem, nicht nur Einwanderer sondern auch Deutsche beherrschen die Sprache nicht; das "Föderationsproblem", nix ist eben gleich ... Sicherlich kann und könnte auch heute theoretisch ein Kind der "Unterschicht" auf einem Gymnasium Erfolg haben (dabei denke ich aber, ein Hartz IV Empfänger Kind braucht dazu heute einen Paten mit Geld, der diesem Kind einfach das Rüstzeug kauft - Zirkel, Taschenrechner, evtl. einen PC u. a. - denn wenn hier schon Klischees - Afrikaner empfinden Deutschland als Bildungsparadies - besprochen werden, dann führe ich auch an, dass solche Eltern meist ihr Geld versaufen als ihren Kindern Bildung zu ermöglichen). Das ist dann nämlich das nächste Problem, dass heute Bildung Geld kostet - die Studiengebühren finde ich persönlich unverschämt. Es bringt auch nix, wenn man den Hartz IV Satz für Kinder um X erhöht, das Geld fließt wo anders hin ...

Und dann eben, es war schon immer schick in irgendwelchen Gangs dabei zu sein, also bleibt die Unterschicht unter sich. Und dann eben noch, dass der Mindestlohn immer noch nicht eingeführt ist, selbst arbeitende Eltern müssen häufig noch Geld aus der Hartz IV Kasse erhalten, man nennt das aufstocken ... Und dann fällt mir noch ein, dass einige Bonzen bewusst Firmen in die Insolvenz rutschen lassen, sie erhalten Boni und die Angestellten/Arbeiter Hartz IV ... Und dann noch ... und da könnte ich noch ... und überhaupt regt mich dieses Thema total auf!
« Letzte Änderung: 15. Mai 2011, 16:08 von Anita »
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Poppea

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #21 am: 15. Mai 2011, 15:45 »
... Und dann noch ... und da könnte ich noch ... und überhaupt regt mich dieses Thema total auf!

Geht mir genauso!

Wobei die Eingangsfrage: Wozu Bildung! weiterhin interessant ist.

Je mehr ich lerne, desto mehr fällt mir auf, wie wenig ich weiß und wieviel ich noch lernen will. Bildung fördert mein Verständnis, zeigt mir Möglichkeiten und lässt mich tieferliegende Muster sehen und verstehen.

Beispiel: Bestimmte Bücher werden erst richtig interessant und amüsant, wenn man die Anspielungen auf andere Bücher erkennt und versteht. Daher landen auch immer wieder die gleichen Bücher ganz oben auf den Literaturlisten. Vieles muss ich mir jetzt nach einem langen Leserleben erarbeiten, einiges bekommt man zumindest in gekürzter Form als "Bildungskind" schon mit, wie z.B. Robinson Crusoe, Don Quichotte, die Schwabsagen, die Deutschen Heldensagen usw.

Wie soll jemand, in dessen Kindheit nur Harry Potter, Drachenreiter und Vampire vorkamen später Nabokov oder Sterne lesen?


Offline Krümel

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #22 am: 15. Mai 2011, 16:17 »
Wie soll jemand, in dessen Kindheit nur Harry Potter, Drachenreiter und Vampire vorkamen später Nabokov oder Sterne lesen?

Das geht  :zwinker: Hauptsache das Kind hat überhaupt gelesen, auch wenn es beispielsweise "nur" Enid Blyton gelesen hat (wäre jetzt vergleichbar oder?), kann es sich bildungshöheren Schichten annähern.

Wenn man gar nicht liest, das ist eher die Katastrophe.

Und kann man Kinder wirklich irgendwo dort abholen, bei der Hand nehmen und "kultivieren"?
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Offline Marlino

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #23 am: 15. Mai 2011, 18:48 »
Man müßte sich erst einmal darüber verständigen, was "Bildung" denn so genau sein soll. Ein bißchen Überlebensgepäck ist es wohl schon. Also so ein gewisses Basiswissen über Geschichte und Kultur. Also wenn jemand glaubt, daß Jesus in Rom gekreuzigt wurde, der zweite Weltkrieg vermutlich im 18. Jahrhundert statt gefunden hat, Rußland Teil von China ist und so weiter dann sind solche Bildungskatastrophen, die es ja gibt, ich habe sie selbst erlebt, eine Form von Desorientiertheit, wo Menschen eigentlich völlig geschichtslos, völlig orientierungslos existieren. Und ein solches Leben, das vollkommen geschichtslos ist, außer vielleicht das man gerade noch weiß, wann Schalke zuletzt Meister geworden ist, möchte ich gewiß nicht führen.

Anderseits hat jeder das Recht, sich für das zu interessieren, was ihn interessiert. Wirklich essentiell ist für mich nur die politische und geschichtliche Bildung ( Politik, Religion, Länder, Kulturen), weder naturwissenschaftliche noch kulturelle Bildung halte ich für sonderlich wichtig.

Wenn jemand Beethoven für einen Barockkomponisten hält, ist das nicht sonderlich wichtig. Warum muß jemand, der sich nicht im geringsten für klassische Musik interessiert, solche Dinge wissen? Bildung im Sinne von Wissen halte ich für vollkommen unwichtig. Wichtig ist nur die Freude an der Sache. Systematische Bildungsaneignung halte ich für ausgemachten Quatsch. Bachs h moll Messe kenne ich etwa erst sein kurzem, dafür kenne ich die Sinfonien von Mjaskovski wesentlich länger. Und die sind bei Gott nicht schlecht, aber natürlich ist die Bildungslücke mit Bachs H moll Messe wesentlich größer. Jedenfalls sagt man es so.

Bildung im Sinne eines sich heraus bildenden Gefühls für Qualität halte ich schon für wichtig. Dagegen Bildung im Sinne einer höchst "systematischen" Annäherung an Kultur halte ich für ausgemachten Quatsch. Wer Goethe und Stifter nun mal nicht mag, soll es bleiben lassen, er kann auch Kafka und Jean Paul lesen.

Ich bin im übrigen ein großer Freund der klassischen Musik und habe sowieso den Eindruck, das Liebhaber der klassischen Musik, die sich oft unglaublich gut auskennen, trotzdem einen viel unverkrampfteren Umgang mit der Bildung haben, als Leute, die unbedingt auf Goethe und Schiller herum reiten müssen. Man muß aus Beethovens 5. ja auch nicht fließend zitieren können. Und dann macht es bei mancher Musik auch einfach nicht "Klick" - ja was will man da machen. Diese ganze literarische Bildung will es am besten jedem auf drei Stellen hinterm Koma beweisen, warum Goethes Faust unbedingt lesenswert ist.

Insofern definiert sich mein Bildungsbegriff sehr von der klassischen Musik her. "Anspruchsvoll" gibt es hier auch, aber sie definiert sich für mein Gefühl mehr in einem intensiven wiederholten und konzentrierten Zuhören. Deshalb hat die Musik für mich dies ungemein Schöne, daß bei keinem Thema Schaumschlägerei leichter ist als in der Musik und anderseits auch wieder schwerer als in der Musik. Das gefällt mir. Und das finde ich auch gerade richtig, das sollte für andere Dinge auch gelten.

Gruß Martin


Offline Krümel

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #24 am: 15. Mai 2011, 19:58 »
Geht mir in vielen Dingen ähnlich wie dir Martin. Denn um so länger ich über mich und "meine" Bildung nachdenke, kann ich auch für mich ein System total ausschließen. Und hängen bleibt tatsächlich von all dem was ich lese, höre, sehe und auch aktiv mache, das, von dem ich für mich denke, dass es für mein Leben einen Sinn macht.
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Harald

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #25 am: 15. Mai 2011, 22:28 »

Hallo Marlino,

Zitat
weder naturwissenschaftliche noch kulturelle Bildung halte ich für sonderlich wichtig

Ich hingegen halte die naturwissenschaftliche Bildung für mindestens ebenso wichtig wie die historische Bildung.

Stichworte: Gentechnologie, Atomkraft, Internet.

Wer Fragen wie:

- Was sind und wie funktionieren Gene?
- Was ist eigentlich Radioaktivität? Wie funktioniert (im Prinzip) ein Atomkraftwerk?
- Wie funktioniert das Internet?

nicht einmal ansatzweise beantworten kann, ist für mich genauso ungebildet, wie jemand, der kein Stück von Shakespeare kennt. Ich halte den Mangel an Bildung im naturwissenschaftlich-technischen Bereich sogar für gefährlich. Wer nicht mitreden kann, überlässt das Feld den Anderen. (Oder redet ohne Sachkenntnis mit... auch nicht besser.)

Ansonsten halte ich Bildung in den Bereichen Geschichte/Politik sowie Wirtschaft/Finanzen für notwendig. Ohne hinreichende Urteilsfähigkeit der Bürger funktioniert die Demokratie auf Dauer nicht. Auf Literatur, Kunst, Musik und Philosophie kann man noch am ehesten verzichten.

(Jetzt aber schnell weg... ;-)  )

- Harald

Aktuell: Altägyptische Literatur. Kafka. Theater des Siglo de Oro. Gontscharow. Sterne, Fielding, Smollett.

Offline Marlino

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #26 am: 15. Mai 2011, 23:16 »
Hallo Harald,

das sehe ich etwas anders als Du. Ich bin bestimmt nicht einer der Intelligentesten einer, aber behaupte ich einfach mal so, intelligenter als die meisten und das sagt ja schon mal was. Aber wie Gene funktionieren, wie genau das Internet funktioniert, wie Atomkraft genau funktioniert - das sind alles Dinge, die ich mir nicht zutraue, die Du dem ordinären Bildzeitungsleser aber offensichtlich zutraust.

Ich sehe das anders, ich denke, daß Politik zu einem Großteil Vertrauenssache ist. Das war immer so und das ist auch gar nicht schlimm, geschweige denn gefährlich. Ich fände es eher gefährlich, den Leuten unbedingt einreden zu wollen, daß sie alles beurteilen könnten. Dabei denke ich: Menschen vor allem männlichen Geschlechtes, die volltrunken an Biertheken herum sitzen, und große Reden schwingen, wie toll es denn in Deutschland liefe, wenn sie das sagen hätten, gibt es weiß Gott schon genug, man muß sie nicht vermehren, indem man noch jeden Bildzeitungsleser zum großen Genetiker, Internetbeauftragten oder Atomkraftexperten macht.

Gruß Martin

Offline scheichsbeutel^

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #27 am: 16. Mai 2011, 00:42 »

Ich hingegen halte die naturwissenschaftliche Bildung für mindestens ebenso wichtig wie die historische Bildung.

Stichworte: Gentechnologie, Atomkraft, Internet.

Wer Fragen wie:

- Was sind und wie funktionieren Gene?
- Was ist eigentlich Radioaktivität? Wie funktioniert (im Prinzip) ein Atomkraftwerk?
- Wie funktioniert das Internet?

nicht einmal ansatzweise beantworten kann, ist für mich genauso ungebildet, wie jemand, der kein Stück von Shakespeare kennt. Ich halte den Mangel an Bildung im naturwissenschaftlich-technischen Bereich sogar für gefährlich. Wer nicht mitreden kann, überlässt das Feld den Anderen. (Oder redet ohne Sachkenntnis mit... auch nicht besser.)

Ansonsten halte ich Bildung in den Bereichen Geschichte/Politik sowie Wirtschaft/Finanzen für notwendig. Ohne hinreichende Urteilsfähigkeit der Bürger funktioniert die Demokratie auf Dauer nicht. Auf Literatur, Kunst, Musik und Philosophie kann man noch am ehesten verzichten.

(Jetzt aber schnell weg... ;-)  )

Auch wenn das bezüglich naturwissenschaftlicher Bildung plausibel klingt, so ist das doch nur eine Grundlage. Das Entscheidende, nämlich in welcher Form ich von diesem Wissen Gebrauch mache, kann schwer oder kaum "gelehrt", "gelernt" werden. Ed Teller war sicher ein guter Physiker, aber entsprach wahrscheinlich nicht dem verantwortungsvollen Naturwissenschaftler, der dir vorschwebt. Im übrigen ist - glücklicherweise - die Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften so groß längst nicht mehr. Und ich glaube, dass jener verantwortungsvolle, kompetente Staatsbürger, den du dir vorstellst (und der das entsprechende naturwissenschaftliche Wissen besitzt), ganz automatisch sich auch für Philosophie, Literatur, Musik & Co interessieren wird. Weshalb diese Unterteilung in wichtig-unwichtig bedeutungslos werden dürfte.

Im übrigen hat die Diskussion über Chancen bei uns in Mitteleuropa etwas Dekadent-Perverses. Eine Bekannte kam kürzlich aus Nigeria zurück, war für Ärzte ohne Grenzen ein halbes Jahr auf einer gynäkologischen Station. Wenn man sich die geschilderten Lebensumstände vergegenwärtigt, hat unsere Unterhaltung über Bildungschancen etwas Luxuriöses. Natürlich: Mit verhungernde afrikanischen Kindern kann man alles totschlagen und jedes Problem relativieren. Manchmal aber hilft das "ins Bewusstsein rufen" unserer exquisiten Problemchen doch ein wenig, selbige als weniger schlimm anzusehen.

(Ich meine es im übrigen in einem anderen Thread, den zu suchen ich jetzt zu faul bin, schon einmal erwähnt zu haben: Es sind sicher nicht ökonomische Gründe, die die Auseinandersetzung des Jugendlichen mit Goethe, Kant, Darwin & Co verhindern, das hat soziale, soziologische Gründe. Wenigstens war der Erwerb von Büchern noch nie so billig wie jetzt (fünf Bände Goethe für einen Euro bei eBay sind keine Seltenheit), in Ö sind die meisten Bibliotheken gratis oder verlangen ein sehr geringes Entgelt. Das nun "Unterschichten" (was immer das genau ist) diese Form der Bildung als wenig attraktiv empfinden, hat zahlreiche Ursachen, wenn aber ökonomische Gründe genannt werden, sind diese meist vorgeschoben. Gedankenbeispiel: Alle Hartz IV-Empfänger erhalten ein Jahr lang 3000 Euro monatlich. Man versuche sich vorzustellen, wie dieses Geld verwendet würde. Und man sieht, dass die Ursachen anderswo liegen, komplex sind, mit allgemeinen gesellschaftlichen Werten zu tun haben etc. Aber politisch lassen sich so einfache pekuniäre Lösungen (ob von FDP oder Linken) sehr viel besser verkaufen, mit soziologischen Studien, Maßnahmen, die das Vielfache einer Legislaturperiode benötigen, um ihre Sinnhaftigkeit zu beweisen, sind keine Wahlen zu gewinnen.)

Grüße

s.

Offline Krümel

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #28 am: 16. Mai 2011, 11:20 »
, in Ö sind die meisten Bibliotheken gratis oder verlangen ein sehr geringes Entgelt.

In meiner Umgebung ist das nicht mehr gratis, da die Komunen einfach sparen (am falschem Ende m. M. n.) und nun auch von Kindern und Jugendlichen 10 € Jahresbeitrag berappen, und so viel ich weiß gilt dort keine Sonderregelung für Hartz IV Kinder. Das ist ein geringes Entgelt, sicherlich, aber für manche doch unerschwinglich. Und da ich nicht möchte, dass eine künftige Leseratte dieses Geld klaut, könnte man doch ...

Nö, ich möchte die Situation in Deutschland, Europa nicht unbedingt mit Afrika vergleichen. Wenn wir dort anfangen, dann ... und dann ... müsste ich dauernd diesen  :grmpf: Smiley benutzen.
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Offline Lost

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Antw:Wozu Bildung?
« Antwort #29 am: 16. Mai 2011, 12:15 »
Es ist ein Zeichen von Bildung, wenn man einige rhetorische Kniffe beherrscht. So lässt sich sich eine Fragestellung oder ein Problem schon dadurch in seiner Bedeutung schmälern, in dem man darauf hinweist, dass sich die gleiche Frage woanders viel schärfer stellt. Gut ist es auch zu bemerken, dass es viel wichtigere Fragen und bedeutendere Probleme gibt, ja dass am Besten alle Fragen und alle Probleme gleichzeitig zu beantworten, bzw. zu lösen sind, und man sich nicht auf einzelne Themen einlassen sollte. Danach sind wir in Deutschland wirklich mit an der Spitze, was Bildung betrifft.
Vielleicht haben einige schon bemerkt, dass Naturgesetze nicht Zustände sondern deren Änderung beschreiben, und vielleicht ist es gar nicht so schlecht Bildung in diesem Sinn nicht als statischen Zustand zu beschreiben, sondern darauf zu achten wie Bildung und Bildungsmöglichkeiten sich verändert, welche Entwicklungen erkennbar werden.

 

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