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Autor Thema: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt  (Gelesen 757 mal)

Offline finsbury

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #15 am: 24. Januar 2018, 19:34 »
Mit den ersten vier Kapiteln bin ich erst fertig, hinke als zumindest dir, @Newman, hinterher.

Zunächst zu den Schnecken aus Kapitel 3. Das ist wirklich eine sehr eindrucksvolle Metapher, @Maria. Ich denke, sie stehen für den Schmutz, mit dem das Werk beworfen wurde, was wir ja auch im Laufe des Kapitels weiter erfahren. Besonders schauerlich fand ich die feinen hohen Geräusche, die die sterbenden, mit Essig getöteten Schnecken von sich geben. Sie erinnern an sterbende Geister, und das ist ja auch die Verleumdung, die sich dieses Werkes laut Ransmayr bemächtigte. Von den Schnecken befreit bleiben die Menhire in Stein gehauen kaum zerstörbar stehen, wie Ovids Werk.

Auch ich finde die Szene in der Arena eindrucksvoll, und auch der Inhalt der (historisch überlieferten???)  Rede ist ganz schön haarig, da braucht es gar nicht die fehlende Huldigung, um die Oberen zu erschrecken und die Mechanismen der Zensur in Gang zu setzen.

Ich kenne mich in der römischen Literatur und erst recht bei Ovid gar nicht aus, nehme aber nach der Lektüre des Wiki-Artikels über Ovid an, dass Ransmayr in sehr grobem Rahmen den historischen Ovid zugrundegelegt hat. Was er aber daraus bzw. darüberhinaus geschrieben hat, ist schon extrem eindrucksvoll und von hoher sprachlicher Dichte und Kunstfertigkeit. Außerdem finde ich, dass sich der Roman sehr viel leichter lesen ließ, als ich nach vielem, was ich darüber gelesen habe, angenommen hatte, ja geradezu spannend ist.

Leider hatte ich bisher wenig Zeit, um weiterzukommen, hoffe, dass es jetzt etwas mehr Zeit gibt.



Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline JMaria

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #16 am: 24. Januar 2018, 19:43 »


Der Gedanke ist natürlich reizvoll, in den Figuren der Metamorphosen verschlüsselte Figuren der Umfelds Ovids zu sehen. Aber Ransmayr geht den umgekehrten Weg, in dem er die Figuren der Metamorphosen zurückholt ins Leben, als Filmstars, als Filmvorführer usw.


Und was mir sehr gut gefallen hat, dass Echo bei Ransmayr wieder eine eigenständige Stimme bekommt, zumindest wenn sie über Ovid erzählt.

Das 6. Kapitel spiegelt einen Dorfroman vom Feinsten. Jeder hat Geheimnisse, die er natürlich versteckt halten möchte, und die Ängste Echo könnte was erzählen.

@JHNewman
Zitat
Insgesamt merke ich aber, dass mich diesmal die politische Handlung mehr interessiert, das Schicksal des öffentlichen Intellektuellen, das hier erzählt wird.


Gute Romane zeichnen sich halt aus, dass man sie auf verschiedenen Ebenen lesen kann. Nach „Cox“ werde ich noch zum Fan seiner Romane.


Ich bin nun im VI. Kapitel.


Zitat von: „finsbury“
Ich kenne mich in der römischen Literatur und erst recht bei Ovid gar nicht aus, nehme aber nach der Lektüre des Wiki-Artikels über Ovid an, dass Ransmayr in sehr grobem Rahmen den historischen Ovid zugrundegelegt hat. Was er aber daraus bzw. darüberhinaus geschrieben hat, ist schon extrem eindrucksvoll und von hoher sprachlicher Dichte und Kunstfertigkeit. Außerdem finde ich, dass sich der Roman sehr viel leichter lesen ließ, als ich nach vielem, was ich darüber gelesen habe, angenommen hatte, ja geradezu spannend ist.


Schön beschrieben! Ich habe auch festgestellt, dass es ein Lesegenuß ist, ohne alles zu entziffern was mit der griech. Mythologie zu tun hat.

(Aber die Live-Lesung der Metamorphosen von Ralf Boysen genieße ich trotzdem sehr)


Zitat von: „finsbury“
Besonders schauerlich fand ich die feinen hohen Geräusche, die die sterbenden, mit Essig getöteten Schnecken von sich geben.


Oja, das war wirklich schauerlich. Ich mag Schnecken und mir ging das wie ein Stich durchs Herz. Aber beeindruckend wie hier mit Symbolik gespielt wird.


Gruß,
Maria
In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

Offline thopas

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #17 am: 24. Januar 2018, 20:14 »
Ich komme momentan auch nicht voran. Erst am Freitag wird es besser  :smile:.

Danke für den Hinweis auf die Postmoderne, JHNewman. Mir war gar nicht so bewusst, dass das Buch aus den 80ern ist...Hab auch nicht nachgeschaut... Jetzt kann ich diese „Collage“ besser einordnen.

Ich fand die Szene mit den Schnecken auch heftig, auch wenn ich gar kein besonderer Schneckenfan bin. Mir ist überhaupt aufgefallen, dass Tiere sehr grausam behandelt werden. Es wird ja auch beschrieben, wie der Schlachter den Ochsen die Schädel einschlägt... Und noch so ein paar Schilderungen.

Für mich ist dieser Roman wie ein Vexierbild. Er liest sich meist, als ob er zu Ovids Zeiten spielt, und dann fallen plötzlich Worte wie Bushaltestelle oder Filmprojektor. Das reißt einen dann direkt aus dem Bild heraus und man macht sich Gedanken, was für eine Welt das eigentlich ist.

Offline finsbury

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #18 am: 27. Januar 2018, 10:35 »
Besonders viel weiter bin ich immer noch nicht gekommen, inzwischen immerhin im 6. Kapitel. Zwischendrin habe ich auch ein bisschen über das augusteische Zeitalter und Octavian/Augustus selbst gelesen, um zu schauen, wie viel Ransmayr hier an antiken "Anregungen" übernimmt und wie viel er für seine Zwecke abändert.
Augustus war wohl schon ein Autokrat, der durch die Hintertür, für seine Zeitgenossen wohl recht undeutlich und mit ihrer breiten Zustimmung, das Kaisertum wieder eingeführt hat und wohl auch viel "Gutes" für das Römische Reich, dessen Machtfülle und Glanz bewirkt hat; nicht umsonst sprechen viele, zumindest alte Historiker, von dem augusteischen als dem goldenen Zeitalter Roms. Er wirkte aber auch sehr restriktiv, hat die Lasten für die einfachen Menschen erhöht, die Freilassungsmöglichkeiten für Sklaven und andere Abhängige erhöht und den Luxus in Rom und für deren freie Bürger auf Kosten der Menschen und Ressourcen der römischen Kolonien fast hemmungslos gefördert. Ich nehme an, dass diese Aspekte Ransmayr die Idee eingegeben haben, den augusteischen Staat als einen aggressiven Verwaltungsapparat mit hohem Zwangspotenzial darzustellen, dem die freien Geister nicht nur unfreiwillig, sondern auch aus eigenem Antrieb zu entfliehen suchen.
« Letzte Änderung: 28. Januar 2018, 14:45 von finsbury »
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Offline JMaria

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #19 am: 28. Januar 2018, 15:18 »
Hallo zusammen,

Cotta ist auf der Suche nach den Metamorphosen und findet sie in Stein und in Wandteppiche. Eigentlich um sich herum, vollzieht sich diverse Verwandlungen, sogar er selbst hat das Gefühl zu Stein zu werden.

Echo und Arachne erzählen Cotta unterschiedliche Geschichten, die ihnen Naso erzählt hat.

Zitat von: „finsbury“
Augustus war wohl schon ein Autokrat, der durch die Hintertür, für seine Zeitgenossen wohl recht undeutlich und mit ihrer breiten Zustimmung, das Kaisertum wieder eingeführt hat und wohl auch viel "Gutes" für das Römische Reich, dessen Machtfülle und Glanz bewirkt hat; nicht umsonst sprechen viele, zumindest alte Historiker, von dem augusteischen als dem goldenen Zeitalter Roms


Bis hin zur Apotheose!


Zitat von: „thopas“
Für mich ist dieser Roman wie ein Vexierbild. Er liest sich meist, als ob er zu Ovids Zeiten spielt, und dann fallen plötzlich Worte wie Bushaltestelle oder Filmprojektor. ...

Der Vergleich mit dem Vexierbild gefällt mir. Manchmal erscheint es mir wie ein Scherz. Besonders die Szenen in denen Nasos Nase hervorgehoben wird. Das hat mich dauernd an Astrix und Obelix erinnert... „Diese Nase....“ ( es war aber Kleopatras Nase soweit ich mich erinnere) . Es hatte etwas urkomische, diese Nase bei Ransmayr, deswegen erwähne ich es.

Ich glaube, Ransmayr gelingt es sehr gut Ovids Humor aus dessen Werken widerzuspiegeln.


Zitat von: „JHNewman“
Noch eine Bemerkung zur Widmung. Das Buch ist Andreas Thalmayr gewidmet. Auch das ist ja eine Metamorphose, denn dahinter verbirgt sich Hans Magnus Enzensberger, der für Teile seiner publiszistischen und lyrischen Arbeiten dieses Pseudonym wählte.


Danke ! Schöner Hinweis!

Ich habe das 8. Kapitel beendet.

Edit:
Noch etwas fällt auf und gefällt mir, nämlich dass Nasos Haus sowohl in seiner Heimat und wie auch die Behausung im Exil selbst „belebt“ werden und sich gegen das Eindringen Fremder wehren.

« Letzte Änderung: 28. Januar 2018, 15:26 von JMaria »
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Offline thopas

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #20 am: 28. Januar 2018, 17:20 »
Edit:
Noch etwas fällt auf und gefällt mir, nämlich dass Nasos Haus sowohl in seiner Heimat und wie auch die Behausung im Exil selbst „belebt“ werden und sich gegen das Eindringen Fremder wehren.

Es scheint sich ja auch Tomi zu beleben. Nach dem zweijährigen Winter wird das Wetter immer besser und es gibt bald ein subtropisches Klima. Viele neue Pflanzen breiten sich in Tomi aus. Zu Anfang ist alles noch steingrau, später wird es grün und der Himmel ist immer öfter tiefblau. Das erinnert sehr an das Mittelmeer. Schön fand ich die Szene, als Cotta bei Arachne zu Besuch ist und dort die Teppiche bewundert. Die Atmospäre hat mich an eine griechische Insel erinnert.


Offline JHNewman

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #21 am: 29. Januar 2018, 22:17 »
Ich habe den Roman schon vor ein paar Tagen beendet, komme aber nicht dazu, hier meine Gedanken beizutragen...

Insgesamt hat mir diese Reise in die 'letzte Welt' schon sehr gut gefallen. Für mich war es vor allem wieder eine intensive Leseerfahrung - ein Durchwandern intensiv geschilderter Szenen und Bilder mit starker suggestiver Kraft. Leider ist meine Kenntnis der antiken Mythen sehr lückenhaft und auch die Metamorphosen kenne ich nicht, daher sind mir sicher viele Anspielungen verloren gegangen. Trotzdem fand ich es sehr schön, wie Ransmayr die Metamorphosen selbst so verwandelt - in die Erzählungen Echos, die Teppiche Arachnes, die Steinmenhire des Pythagoras, die Filme an der Wand... In dem Moment, in dem Cotta meint, Ovid nun doch noch gefunden zu haben, habe ich regelrecht den Atem angehalten...

Zudem gefällt mir, wie Ransmayr es schafft, die antike Welt des Ovid doch sehr modern wirken zu lassen. Es gibt Totalitarismus, es gibt Flüchtlingsboote und Gaskammern, Vergewaltigung und Tod... Das alles wirkt sehr düster und bedrückend, und doch hatte ich beim Lesen das Gefühl einer großen Leichtigkeit, weil die Bilder sich immer wieder verflüchtigen und wandeln. So empfand ich auch den Schluss als sehr stimmig. Die Szenerie verwandelt sich sozusagen in einen Flügelschlag.


Offline JMaria

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #22 am: 30. Januar 2018, 20:17 »
Zitat
Nach dem zweijährigen Winter wird das Wetter immer besser und es gibt bald ein subtropisches Klima. Viele neue Pflanzen breiten sich in Tomi aus. Zu Anfang ist alles noch steingrau, später wird es grün und der Himmel ist immer öfter tiefblau.

Bewußt ist mir das mit dem Wetter nicht aufgefallen. Gut, dass du es erwähnst, thopas.


Zitat von: „JHNewman“
Es gibt Totalitarismus, es gibt Flüchtlingsboote und Gaskammern, Vergewaltigung und Tod... Das alles wirkt sehr düster und bedrückend, und doch hatte ich beim Lesen das Gefühl einer großen Leichtigkeit, weil die Bilder sich immer wieder verflüchtigen und wandeln. So empfand ich auch den Schluss als sehr stimmig. Die Szenerie verwandelt sich sozusagen in einen Flügelschlag.


Bei den Flüchtlingen bin ich gerade angekommen. Iasons Drachensaat! Starke Bilder!

Wie ging nochmals mit Iason und dem Goldenen Vlies? War er da nicht eher ein Held? Ich weiß es auch nicht mehr so genau. Bei Ransmayr ist er jedenfalls ein Ausbeuter geworden.


Ich bin noch nicht sehr weit. Immer noch im 9. Kapitel.

Gruß,
Maria

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Offline finsbury

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #23 am: 31. Januar 2018, 19:40 »

Zitat von: „JHNewman“
Es gibt Totalitarismus, es gibt Flüchtlingsboote und Gaskammern, Vergewaltigung und Tod... Das alles wirkt sehr düster und bedrückend, und doch hatte ich beim Lesen das Gefühl einer großen Leichtigkeit, weil die Bilder sich immer wieder verflüchtigen und wandeln. So empfand ich auch den Schluss als sehr stimmig. Die Szenerie verwandelt sich sozusagen in einen Flügelschlag.

Bei den Flüchtlingen bin ich gerade angekommen. Iasons Drachensaat! Starke Bilder!


Und beängstigend aktuell, wenn man daran denkt, wie die Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer behandelt werden.

Echos oder Ovids Endzeiterzählung mit den nach der Sintflut auferstehenden Zombies ist sehr eindrucksvoll und bedrückend. Danach ist Echo weg, als ob diese Erzählung ein Verweilen am Ort unmöglich macht. Cotta und auch Lykaions Haus versinken in Untätigkeit und Verfall, bis sich der Römer im 11. Kapitel aufrafft, noch einmal nach Ovid zu suchen. Aber dies geschieht nach einer Reihe von Murenabgängen, die den Sommer beendet haben. Auch Trachila wurde getroffen. An dieser Stelle verweile ich jetzt.

Wie dir, @thopas, fällt mir auch auf, wie intensiv Ransmayr Klima und Jahreszeiten sowie Naturkatastrophen beschreibt. In den Naturbildern spiegelt sich die innere Struktur der Geschichte, auch Cottas Seelenleben. Der Hoch-Zeit mit Echo im Sommer mit den schönen Bildern der Bucht voller Steinbalkone und  sich erholender Stadtbewohner folgt als Spiegel von Echos Endzeitvision der Gewittersturm und darauffolgend die Muren, aber auch das Aufblühen der Natur nach der Dürre des Sommers.
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Offline JMaria

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #24 am: 31. Januar 2018, 20:09 »
Ich habe den Roman heute beendet. Das Tempo nahm nochmals zu. Besonders das Wüten des Tereus !

„Was kam verging“ - könnte als Motto für den Roman sein.


Am Ende des Romans gibt es noch eine Zusammenfassung der Personen der Neuen und Alten Welt. Feine Sache!

Mir hat es sehr gut gefallen  :winken:
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Offline thopas

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #25 am: 31. Januar 2018, 20:25 »
Am Ende des Romans gibt es noch eine Zusammenfassung der Personen der Neuen und Alten Welt. Feine Sache!

Das habe ich auch erst mitten drin in der Lektüre herausgefunden. Ich habe das Buch auch schon beendet und bin jetzt noch bei diesen Informationen zu den Personen.

Ein bisschen muss ich noch nachdenken über den Schluss...

Offline JHNewman

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #26 am: 1. Februar 2018, 07:59 »
„Was kam verging“ - könnte als Motto für den Roman sein.

Ja!
Und auch: was ist vergeht. Und was vergangen ist, kehrt wieder, aber in anderer Gestalt. Nichts bleibt, aber auch: nichts ist verloren.

Und stimmt: Das Wetter ist ja ebenfalls eine sich ständig verändernde Kraft unseres Alltags.

Dieses ständige Vergehen, Verwandeln, Verändern und sozusagen Fließen hat mir an dem Text ungeheuer gut gefallen. Das ist sozusagen ein Lebensgefühl, dem ich mich gerne aussetze.

Die Stärke von Ransmayrs Text liegt für mich auch darin, dass ihm diese Bilder gelingen ganz ohne Klischees. Nichts ist abgegriffen oder schal. Darin liegt für mich auch seine große Kunst.



Offline JMaria

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #27 am: 1. Februar 2018, 16:12 »


Die Stärke von Ransmayrs Text liegt für mich auch darin, dass ihm diese Bilder gelingen ganz ohne Klischees. Nichts ist abgegriffen oder schal. Darin liegt für mich auch seine große Kunst.


Das stimmt. Bei Ransmayr wirkt nichts aufgesetzt oder gekünstelt, sogar die Vermischung der Zeitebenen hat er zur Metamorphose gemacht. Und man kann ihm wirklich leicht folgen. Das macht wirklich Freude.

Naso wurde in einer Vision von Cotta zu einem Vogel (Vogel-Verwandlungen sind am häufigsten in den Metamorphosen vorkommend), einem Kormoran:

Naso hatte schließlich seine Welt von den Menschen und ihren Ordnungen befreit, indem er jede Geschichte bis an ihr Ende erzählte. Dann war er wohl auch selbst eingetreten in das menschenleere Bild, kollerte als unverwundbarer Kiesel die Halden hinab, strich als Kormoran über die Schaumkronen der Brandung oder hockte als triumphierendes Purpurmoos auf dem letzten, verschwindenden Mauerrest einer Stadt.“


Ich finde das ist ein würdiges Ende für Naso, auch wenn es eine Vision ist.
Cotta hat sich selbst verloren, obwohl er am Ende doch mit sich im reinen ist, (oder?)
In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

Offline finsbury

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #28 am: 3. Februar 2018, 17:53 »
Nun bin ich auch durch und kann eure letzten Eindrücke nur bestätigen.
Ein symbol- und metaphernreiches Werk über das ständige Fließen, Wandeln und Vergehen und  auch eine halb satirische , halb ernste Stellungnahme zur Macht und Ohnmacht der Literatur: Sie ist einerseits ein Produkt menschlicher Eitelkeit (Pythagoras', des Autors Selbstbespiegelung im literarischen Werk eines anderen, Größeren) und der Vanitas unterworfen, andererseits kann kaum etwas so wie sie diesen Vorgang, dessen Dramatik und Größe so  festhalten. Arachnes Teppiche zerfallen, auch Pythagoras'  Fähnchen und selbst die von den Schnecken ganz langsam zersetzten Wort-Stelen vergehen, bleiben aber gerade im Geschriebenen erhalten, und nur diesem gelingt die Durchmischung von Zeit und Raum, von Handlung und Reflexion.
Ein tolles Buch, über das ich noch eine Weile nachdenken werde.
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Offline JMaria

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Re: Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
« Antwort #29 am: 4. Februar 2018, 20:00 »
Nun bin ich auch durch und kann eure letzten Eindrücke nur bestätigen.
Ein symbol- und metaphernreiches Werk über das ständige Fließen, Wandeln und Vergehen und  auch eine halb satirische , halb ernste Stellungnahme zur Macht und Ohnmacht der Literatur: Sie ist einerseits ein Produkt menschlicher Eitelkeit (Pythagoras', des Autors Selbstbespiegelung im literarischen Werk eines anderen, Größeren) und der Vanitas unterworfen, andererseits kann kaum etwas so wie sie diesen Vorgang, dessen Dramatik und Größe so  festhalten. Arachnes Teppiche zerfallen, auch Pythagoras'  Fähnchen und selbst die von den Schnecken ganz langsam zersetzten Wort-Stelen vergehen, bleiben aber gerade im Geschriebenen erhalten, und nur diesem gelingt die Durchmischung von Zeit und Raum, von Handlung und Reflexion.
Ein tolles Buch, über das ich noch eine Weile nachdenken werde.


Schön zusammengefasst  :winken:
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