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Autor Thema: Clarín: Die Präsidentin  (Gelesen 152 mal)

Offline finsbury

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Clarín: Die Präsidentin
« am: 9. August 2017, 17:17 »
thopas und ich lesen im Rahmen des Klassikerforum-Wettbewerbs 

Die Präsidentin von Clarín.

Der Nordspanier Clarín (d.i. Leopoldo Alas) lebte von 1852 bis 1901und gilt heute als wichtigster Vertreter des spanischen Naturalismus und zwar insbesondere aufgrund des in diesem Thread behandelten Romans.
Clarín war außerdem Liberaler und ein gefürchteter Journalist und Satiriker, der mit spitzer Feder auf Missstände und insbesondere auch klerikale Heuchelei hinwies. Sein Pseudonym stammt aus einem Calderon-Drama, bedeutet Signalhorn oder Trompete und ist in dem genannten Drama der Name einer Person, die sich den Mund nicht verbieten lässt.

"Die Präsidentin", auf Spanisch "La Regenta" erschien in zwei Bänden 1884 und 1885 in Barcelona und behandelt das Schicksal einer jungen Frau, die mit dem alten und bald pensionierten Gerichtspräsidenten einer nordspanischen Stadt, der Claríns Lebensschwerpunkt Oviedo zum Vorbild diente, verheiratet ist und aus der geistigen und moralischen Enge der dortigen Gesellschaft Auswege sucht. Vom Plot her erkennt man gewisse Ähnlichkeiten mit Flauberts "Madame Bovary", als deren spanisches Gegenstück der Roman auch bezeichnet wird.

Ich finde, zumindest der Anfang passt zu diesem Vergleich nicht. Hier stehen viel stärker die Gesellschaftsstrukturen der fiktiven  Stadt Vetusta im Vordergrund.Ich bin jetzt auf Seite 50 der Suhrkamp-Taschenausgabe und bisher ist die Titelheldin nur erwähnt worden, aber nicht aufgetreten. Dagegen werden insbesondere die klerikalen Kreise der Stadt dargestellt, mit scharfer Genauigkeit werden der Charakter und die Verhaltensweisen der verschiedenen Geistlichen und konservativen, der Kirche nahestehenden Adeligen der Stadt seziert, durchaus auch satirisch.
Mir gefällt gut, wie der Roman beginnt und sich entwickelt. Der Autor hat eine starke szenische Vorstellungskraft und man könnte zumindest den Romanbeginn sehr gut verfilmen.
Ganz zu Anfang folgen wir zwei Buben in den Glockenturm der Kathedrale, die dort das Läuten betreuen, und werden dann Zeuge, wie eine der Hauptpersonen des Romans, Don Fermín, der Generalvikar der Kathedrale, mit einem Fernrohr vom Turm aus die verschiedenen Stadtviertel anvisiert. Im Zuge dessen wird uns die gesellschaftliche Gliederung der Stadt sozusagen aus Adlerperspektive vermittelt und auch die Titelheldin findet Erwähnung, bleibt aber noch vollständig im Hintergrund. Don Fermin steigt wieder vom Turm und mit ihm begeben wir uns nun in die Gesellschaft von Vetusta, zunächst einmal in die der Vertreter der Kirche und der ihr Nahestehenden.
Köstlich ist insbesondere das Portrait des alten Don Cayetano, des Erzpriesters, der neben seiner tiefen Gläubigkeit und klerikalen Treue dennoch ein frecher Epigrammatiker und (platonischer) Liebhaber der Frauen ist. Das kleine verhutzelte Männlein mit dem Schutenhut und den frechen Sprüchen gefällt mir ausnehmend!
Womit ich Schwierigkeiten habe, ist die Vielzahl der spanischen Namen, die abwechselnd beim Vor- und Nachnamen genannt werden (was ich schon aus russischen Romanen gewohnt bin) und außerdem noch mit teils unterschiedlichen Berufs- und Adelstiteln benannt werden. Gleich forste ich mal im Netz, ob es wohl -wenigstens auf Englisch - ein Personenverzeichnis gibt.

Leider habe ich momentan wenig Zeit zum Lesen, das macht es mit den Namen noch schwieriger.

Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
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Offline Zefira

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Re: Clarín: Die Präsidentin
« Antwort #1 am: 9. August 2017, 18:05 »
Hallo zusammen,
ich war sehr lange nicht mehr hier und habe eben zufällig auf Facebook gesehen, dass eine Leserunde mit diesem Buch stattfindet.
Ich habe es vor vielen Jahren schon einmal gelesen und schon lange vor, es ein zweites Mal zur Hand zu nehmen.
Ich kann mich erinnern, dass ich das Buch eben wegen des Bovary-Vergleichs gekauft habe. Madame Bovary war damals mein Lieblingsbuch, ich war fasziniert davon. Die Verwandtschaft ist aber nur thematisch. Clarin schreibt einen völlig anderen Stil, auch ist "Die Präsidentin" sehr viel breiter angelegt.
Als Schauplatz des Romans gilt übrigens die Stadt Oviedo in Asturien. Oviedo ist m.W. die regenreichste Stadt Spaniens. Die Einwohner werden "Ovetenser" genannt - wusste ich bisher nicht ...
Hier bei Wiki ein Foto der Kathedrale von Oviedo. Klick

Ich weiß nicht, ob ich mich ständig beteiligen kann, weil ich in den nächsten Wochen - bis in den Oktober - immer mal wieder offline sein werde, aber das Buch ist ja dick genug, ich denke die Runde dauert länger, ab und zu hereinschauen werde ich bestimmt. Jetzt werde ich das Buch gleich mal heraussuchen
Grüße von Zefira

ps. Ich hoffe, ich habe jetzt nichts falsch gemacht; auf Facebook war die Rede von einer "Leserunde". Geht es hier nur um eine Buchvorstellung oder wird wirklich zusammen gelesen und ggf. abschnittweise dazu geschrieben? Ich war lange nicht mehr hier, habe zb auch diesen Wettbewerb nicht mibekommen.

« Letzte Änderung: 9. August 2017, 18:49 von Zefira »

Offline sandhofer

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Re: Clarín: Die Präsidentin
« Antwort #2 am: 9. August 2017, 19:24 »
Hallo Zefira und welcome back!

Es handelt sich tatsächlich um eine Leserunde.

Grüsse

sandhofer :winken:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline finsbury

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Re: Clarín: Die Präsidentin
« Antwort #3 am: 9. August 2017, 22:39 »
Auch von mir ein herzliches Wieder-Willkommen!

Ich freue mich sehr, dass du mitliest und danke dir schon mal für das Foto der Kathedrale von Oviedo. Da kann man sich gerade den Anfang besser vorstellen. Der Regenreichtum wird zu Anfang auch des Öfteren erwähnt.
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Offline thopas

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Re: Clarín: Die Präsidentin
« Antwort #4 am: 10. August 2017, 12:55 »
Hallo zusammen, hallo Zefira, schön, dass du auch mitliest  :winken:. Auch wenn ich momentan wenig Zeit habe, wollte ich kurz hier hereinschauen. Ich hoffe, es bessert sich bald...

Mit spanischer Literatur kenne ich mich wenig aus, deshalb wollte ich das durch den Listenwettbewerb mal ändern. Da ich dieses Jahr auch Anna Karenina und Madame Bovary gelesen habe, passt das Buch von der Thematik her ganz gut. Bisher habe ich nur ein paar Seiten gelesen, noch betrachtet Don Fermín die Stadt Vetusta von oben.

Asturien ist tatsächlich eine sehr grüne und auch gebirgige Gegend in Spanien. Es gibt viele Kuhherden, sodass man immer an die Alpen erinnert wird. Ich war vor ein paar Jahren in Nordspanien und wir haben damals auch Oviedo besucht. Leider hat es dort die ganze Zeit geregnet (!), weshalb ich nur noch die Kathedrale in Erinnerung habe. Ansonsten gibt es in Asturien sehr gutes, deftiges Essen und man kann wunderbar Wandern gehen.

Ich wünsche euch viel Spaß bei der Lektüre und werde mich hoffentlich auch bald wieder intensiver beteiligen können.


Offline Zefira

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Re: Clarín: Die Präsidentin
« Antwort #5 am: 10. August 2017, 15:46 »
Aus meiner Erstlektüre weiß ich, dass die Anfangskapitel wirklich etwas zäh sind.
Richtig interessant und kurzweilig zu lesen wird es (nach meiner Erinnerung), als die Titelfigur endlich auftritt.
Ich kann mich aus dem Haushalt der "Präsidentin" an einige unvergessliche Szenen erinnern - denkt mal an mich, wenn die "Fuchsfalle" ins Spiel kommt. Clarin erweist sich hier als genialer Psychologe.
Ich habe das erste Kapitel heute morgen gelesen. Die Kapitel sind leider nicht nummeriert, es gibt nur einen größeren Absatz zum nächsten hin.

Offline finsbury

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Re: Clarín: Die Präsidentin
« Antwort #6 am: 12. August 2017, 10:30 »
Aus meiner Erstlektüre weiß ich, dass die Anfangskapitel wirklich etwas zäh sind.
Richtig interessant und kurzweilig zu lesen wird es (nach meiner Erinnerung), als die Titelfigur endlich auftritt.
...
Ich habe das erste Kapitel heute morgen gelesen. Die Kapitel sind leider nicht nummeriert, es gibt nur einen größeren Absatz zum nächsten hin.
Inzwischen bin ich auf S. 138 der Suhrkamp-Ausgabe und damit beim Beginn des sechsten Kapitels. Diese sind ja tatsächlich nur durch Initialen gekennzeichnet und beginnen noch nicht mal jeweils auf einer neuen Seite, obwohl jedes Kapitel bisher mindestens zwanzig Seiten lang ist. Das macht die Absprache etwas schwierig. Da in dem Nachwort meiner Ausgabe aber auf gezählte Kapitel Bezug genommen wird, trage ich mir jetzt auf der Vorsatzseite die Seiten zu den Kapiteln ein, die ich begonnen habe.

Ich bin nicht ganz sicher, ob ich den Anfang als zäh empfunden habe. Er war schwierig, weil die vielen unterschiedlichen Benamsungen mich irritiert hatten, aber ich fand ihn sehr gelungen.
Nun, seitdem wir Ana näher kennen lernen, wird es viel einfacher, da sich die Anzahl der Protagonisten bei gleichzeitiger näherer Charakterisierung deutlich reduziert.
Man bekommt wirklich Mitleid mit der Protagonistin und kann sich das Kopfschütteln über die bigotte und auch einfach widerliche Mobberei gegenüber dem Kind und dem Teenager Ana nicht verkneifen. Man hat wirklich den Eindruck, dass Menschen, denen keine Möglichkeit geboten wird, sich frei zu entfalten und sinnvoll tätig zu sein, was für adelige und höher gestellte bürgerliche Frauen, aber auch viele Männer, bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts oft die Realität war, nichts anderes zu tun hatten, als Gift zu spritzen und ihre Mitmenschen, die auch nur ein kleines bisschen abwichen oder denen man eine verdächtige Abkunft unterstellte, mit ihrer üblen Nachrede zu peinigen. Das galt natürlich insbesondere für so eine Kleinstadtgesellschaft mit ihrer überschaubaren Anzahl, in der man solchen Gerüchten nicht entkommen konnte.
Auch die anderen Reaktionen, die Hysterie und die wohl neurotisch ausgelösten Fieber- und Migräneanfälle, haben wohl damit und mit der gesellschaftlich verordneten Triebunterdrückung zu tun.
Clarín seziert hier sehr scharf und schafft ein schlüssiges Charakterbild der Titelfigur. Sie hat nun geheiratet, und ich bin gespannt, wie sich ihre bisherige Entwicklung auf das Eheleben mit diesem eleganten Langweiler auswirken wird. Davon bekommen wir ja schon zu Beginn des eigentlichen Auftritts von Ana in Kapitel 3 eine Vorstellung, bevor der Rückblick beginnt.
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Offline Zefira

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Re: Clarín: Die Präsidentin
« Antwort #7 am: 12. August 2017, 22:54 »
Ich habe mich bei meiner Erstlektüre schon gefragt, was mit Anas Ehemann eigentlich nicht stimmt, dass er mit dieser schönen, jungen und offensichtlich liebebedürftigen Frau so gar nichts anzufangen weiß und lieber in aller Herrgottsfrühe Jagdausflüge mit seinem Freund macht, statt sich um sie zu kümmern.
Ich bin ein paar Tage verreist, nehme das Buch aber mit  :zwinker:

Meine Ausgabe ist übrigens eine gebundene aus dem Insel-Verlag, übersetzt von Egon Hartmann, mit einem Nachwort und erklärenden Anmerkungen am Ende.

Offline thopas

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Re: Clarín: Die Präsidentin
« Antwort #8 am: 13. August 2017, 09:36 »
Sehr viel weiter bin ich noch nicht gekommen. Ich befinde mich im zweiten Kapitel. Meine Insel-Taschenbuchausgabe hat übrigens schon numerierte Kapitel.

Ich bin gespannt darauf, wann die Handlung dann mal loslegt. Die ausführlichen Beschreibungen der diversen Herren sind auf die Dauer eher verwirrend. Mir sagen diese klerikalen Titel nichts, und es helfen leider die Anmerkungen im Buch auch nicht, dass ich mir da klarere Vorstellungen machen kann.

Gut gefällt mir die Ironie, die immer wieder aufblitzt, z.B. bei der Handlung um die beiden Provinzler, die eine Führung durch die Kathedrale bekommen.

Bis Mitte kommender Woche werde ich wohl wenig zum Lesen kommen und wahrscheinlich auch nicht ins Forum. Ich melde mich dann ab Donnerstag wieder  :winken:.

 

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