Klassikerforum

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Nicht kanonisch, modern, Generelles / Re: Was lest ihr gerade?
« Letzter Beitrag von JMaria am Heute um 12:36 »



Intelligent, humorvoll, informativ! Toll gemacht !

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Hallo zusammen!

Suse wird am Sonntag, 25.02.2018, auf eine neue Software für dieses Forum umstellen. Das bedeutet, dass das Klassikerforum für einige Zeit nicht erreichbar sein wird. Und dass das Forum danach ein wenig anders aussehen wird. (Wer auf leserunden.de dabei ist oder sich mal rein klickt, kriegt eine Idee davon, wie es etwa aussehen wird.

Grüsse

sandhofer
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Schade, dass ich das jetzt erst gesehen habe. Proust ist fuer mcih die wahre Entdeckung der Langsamkeit. Wunderbar. Mit der Gefangenen und der Entflohenen ist es mir allerdings so gegangen wie finsbury: Ich habe mich EINmal hindurchgequaelt. beim zweiten Mal lesen, habe ich mir die Teile geschenkt. Dafuer liebe ich die anderen, vor allem Combray, umso mehr. Hab die "alte" Uebersetzung von Rechelle-Mertens. M.E. schoene Sprache.   
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Du schreibst: "Ich bin schon recht dankbar, dass ich mir hier den Raum nehmen darf, über den Roman zu erzählen ..."
Schreib immer weiter, ich kann gar nicht genug davon kriegen. Heute Nachmittag will ich ausfuehrlicher auf Deinen Text eingehen, jetzt nur soviel: Du hattest bereits bei Kaspar Hauser geschrieben, dass - nach Deiner Meinung - Wassermann kein Frauenversteher sei. Mag sein, aber gerade im Wahnschaffe treten sechs sehr unterschiedliche und ziemlich differerenziert geschilderte Frauen auf. Dir scheint besonders wichtig zu sein, dass die Frauen als ausgereifte selbstbeswusste Persoenlichkeiten auftreten oder sich dazu entwickeln, entfalten (koennen). Fuer mich sind aber mindestens geradeso interessant die Frauen, die aus welchen Gruenden auch immer, in ihrer Entwicklung behindert werden und dann zu "Krueppelkiefern" oder vom Sturm schief gewehten Individuen werden. Eine der interesantesten Figuren in dieser Hinsicht ist fuer mich Johanna, die mit sehr viel Sympathie und Kunst gezeichnet ist. Deren "Funktion" im Roman mir aber nicht recht klar ist, aber das ist ueberhaupt ein Punkt in diesem Roman: Es wird ja ein ganzes Welttheater aufgefuehrt: Paris, Wien, Argentinien, Moskau, die Krim, das Staedtchen am Rhein, das Schloss im Odenwald, Berlin dazu ein Haufen Personal. Ich fand das alles SEHR interessant, aber MIR ist nicht ganz kalr geworden wozu er das alles braucht, jedoch denke ich, dass es schon alles "irgendwie" zueinander in Beziehung steht(?). Es waere fuer mich interessant, ob Du da einen Zugang hast.   
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Nun habe ich das dritte Buch von der Nominierungsliste (an)gelesen.

Anja Kampmann, Wie hoch die Wasser steigen



Erzählt wird die Geschichte von Waclaw, der auf einer Öl-Bohrplattform im Atlantik arbeitet. Sein engster Freund und Kollege Matyas verschwindet in einer stürmischen Nacht von der Plattform, wahrscheinlich ins Meer gespült. Waclaw gerät in eine tiefe Krise der Trauer und des Verlusts und macht sich auf zu einer Reise nach Ungarn (der Heimat Matyas) und zu Orten seines eigenen Lebens.

Die Autorin kommt von der Lyrik her, das macht das Buch sprachlich intensiv, poetisch und bildreich. Mir persönlich war es zu metapherngeladen, letztlich blieb aus meiner Sicht die Autorin dabei, Bilder zu malen, Landschaften und Stimmungen zu beschreiben. Eine wirkliche Geschichte wurde daraus nicht, es blieb langweilig, sodass ich nach 100 Seiten nicht mehr weiter lesen mochte.

Für Leserinnen und Leser, die atmosphärisch dichte Beschreibungen mögen und sich darin verlieren, durchaus ein empfehlenswertes Buch. Für Leser, die sich etwas mehr Bewegung und Handlung wünschen, eher nicht.

Auch in diesem Buch geht es um Trauer, es ist also vom Genre her - obwohl stärker romanhaft - dem Buch von Esther Kinsky sehr ähnlich. Esther Kinsky jedoch ist darin für mich weitaus überzeugender. Ihr Buch tröstet, ohne trösten zu wollen - formulierte jemand im Feuilleton. Indem sie weniger einsetzt an sprachlicher Intensität, erreicht sie mehr. Bei Anja Kampmann wirkt das doch - bei aller Kunst - auf mich auch sehr bemüht.


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Zu den Frauen: Mit der Argentinierin meinst Du wahrscheinlich Lätizia. Sie ist eine außereheliche Tochter Crammons und erscheint imi "Teenageralter" zunächst auf reizende Weise unbedarft; mit zunehmendem Alter wird ihre geistige Anspruchslosigkeit aber manchmal recht peinlich. Als sie und Christian einander das erste Mal begegnen, lebt er noch als sehr junger Mensch glücklich in vollem Weltgenuss. (Es gibt da eine sehr sprechende Szene, als er mit seiner Hundemeute rauft - im Grunde unterscheidet er sich kaum von den Hunden.)
Kurze Zeit später heiratet Lätizia einen jungen, sehr reichen Argentinier, dessen Familie ursprünglich aus Deutschland - oder Österreich? - stammt; er macht ihr auf sehr ungestüme und schmeichelhafte Weise den Hof. Als er sie erst einmal in Argentinien unter Dach und Fach hat, entpuppt er sich als Halbwilder. Das war eine Passage des Romans, die mir sehr unangenehm war. Die ganze Familie des Argentiniers könnte direkt aus "Game of Thrones" oder einer italienischen Oper entsprungen sein. Als er zum Beispiel einmal Lätizia mit wildem Augenrollen droht, er werde sie erstechen, wenn sie ihn betrügt, antwortet sie ganz naiv, er möge ihr doch den Dolch zeigen, sie sei neugierig.
Lätizias Haupteigenschaft als vollkommener Dummbatz gibt sich auch später nicht, nachdem sie den Argentiniern entkommen und wieder in Deutschland angekommen ist. Nach meiner Erinnerung begegnet sie Christian übrigens nicht mehr, da er sich inzwischen von seiner Familie und dem ganzen gesellschaftlichen Dunstkreis losgesagt hat.

Erheblich wichtiger im Rahmen des Romans ist die Tänzerin Eva, nach der der erste Band benannt ist (der zweite heißt "Ruth"). Als Christian und Eva einander kennen lernen, ist sie ihm geistig weit überlegen: Sie ist bereits eine ausgeformte Persönlichkeit, hat eine riesige Fangemeinde, empfängt und hält Hof; er ist zunächst nur einer ihrer Trabanten - sie gibt ihm den Spitznamen Eidolon*, übrigens ist er zu dieser Zeit mit einer anderen Frau liiert. Trotzdem macht sich (wenn ich mir das nicht nur eingebildet habe) von Anfang an eine starke erotische Spannung zwischen den beiden bemerkbar. Alles deutet in Richtung einer Liebesbeziehung, die auch zustande kommt und die ich, wie schon oben erwähnt, als beglückend und passend empfunden habe, als es endlich so weit war. Leider ist es nur eine ganz kurze Episode in beider Leben. Interessant ist, dass Christian ihr einen gigantischen, überaus kostbaren Diamanten schenkt - und das zu einer Zeit, als er bereits anfängt, solche Insignien des Reichtums wie Schmuck, Schlösser**, Kunstsammlungen und dergleichen zu verachten. Ich hatte den Eindruck, dass der Erwerb dieses Diamanten, der selbst für seine Begriffe extrem viel Geld kostet, so etwas wie eine symbolische Gabe ist, um sich von der Welt, die Eva repräsentiert - dem Glamour, Prominenz, Reichtum - loszukaufen.

Wassermann hat - nach meiner persönlichen Meinung - nicht immer die glücklichste Hand mit seinen Frauengestalten. Sie sind oft ausschließlich als Gegenstück zu seinen männlichen Hauptpersonen konzipiert, mehr Symbole als Persönlichkeiten. Zum Glück zeigt sich das bei den wichtigsten Frauen im "Wahnschaffe", nämlich Eva, Ruth und Karen (zu der ich hoffentlich noch kommen werde) nicht allzu deutlich. Eva ist eine wirklich lebendige, überaus interessante, differenziert geschilderte Frau.

Später gerne mehr.

*) Gegen Ende des Romans kommt noch einmal der alte Crammon zu Wort: "Wenn er in seinen Erinnerungen wühlte, einem Sammler vergleichbar, der seine eifersüchtig behüteten Schätze mustert, war es stets Christians Gestalt, die vor allen anderen verklärt emporstieg. Der Christian des Anfangs, nur der; unter den Hunden im Park; in der Mondnacht unter der Platane, im erlesen geschmückten Saal der Tänzerin ... Christian lachend, Christian verführend, Christian verschwendend, Christian der Herr; Eidolon."
Eidolon, ich habe es nachgeschlagen, bedeutet soviel wie Trugbild; nach Platon der erste Abdruck im Bewusstsein, der Wiedererkennen gewährleistet - also auch Symbol oder Abbild, wie eine Fotografie. Im nachhinein erscheint es selbstverständlich, dass Christian sich nicht damit zufriedengeben wird, ein Eidolon zu sein; er will sich entfalten. Ich hatte bei meinen Wassermann-Lektüren mehrmals das Gefühl, dass er (Wassermann) seinen Frauenspersonen eben jene Entfaltung verweigert - zum Beispiel den Schwestern im "Gänsemännchen". Die Tänzerin Eva jedoch, die mehr als alle anderen Frauen im Wahnschaffe zur Entfaltung gelangt, ist interessanterweise eine uneheliche Tochter des "Gänsemännchens" Daniel Nothafft. Vielleicht ist das so eine Art Abbitte des Autors ...

**) Christian besitzt von seinen Eltern einen schlossartigen Landsitz mit Namen "Christiansruh"! Ich bin schon recht dankbar, dass ich mir hier den Raum nehmen darf, über den Roman zu erzählen ... Der Name war mir immer unbehaglich; mir wird jetzt erst klar warum. Er klingt, als sei Christian schon tot. Christiansruh gehört zu den Besitztümern, die er als erstes verkauft.
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Klassische Autoren und Werke / Re: Jakob Wassermann: Christian Wahnschaffe I und II
« Letzter Beitrag von Volker am 19. Februar 2018, 21:56 »
Erst mal Danke fuer den Hinweis, dass Du, Zefira, hier geschrieben hast. Habs sogar im zweiten Anlauf kaum gefunden (ging nicht "von selbst"). Du hast das so unglaublich gut wiedergegeben, dass etwaige Beitraege von mir nur hilflos wirken koennten. Eine Anregung dennoch (ich fuehle mich zur Ausfuehrung zu schwach): Es sind ja sechs sehr unterschiedliche Frauen, die in der Handlung tragende Rollen haben (wenn man von der Mutter absieht): Die "Argentinierin" (Namen vergessen), die Taenzerin, Johanna, Ruth, schliesslich die Frau, mit der er (in schwer zu begreifender Weise, aber das zeigt m.E. den Kern und die "Echtheit" seiner Wandlung am besten) schliesslich zusammenlebt und deren Mutter . Ruth und ihre "Rolle" hast Du meisterhaft geschildert. Die "Funktionen" der anderen kommen mir ein wenig zu kurz. Koenntest DU da noch etwas sagen? Interessant finde ich Deinen Blick auf den Zauberberg und Hans Castorp: Wahnschaffe spielt ja auch in dieser Umbruchzeit und die Taenzerin wird ein Opfer der (ersten?) Russischen Revolution (1904?). Die Weltereignisse spielen ja auch in den Roman rein, ueber Becker. Das muss dem Wassermann wichtig gewesen sein, sonst haette er den Roman als "Kammerstueck" geschrieben. Du erwaehnst die von der Mutter "ausgeliehene Perlenkette", die eine geradezu ungeheuerliche Rolle im Roman spielt. Ich denke, Sandhofer hat recht: Du solltest das alles bringen, nachdem Du den Kern so wunderbar herausgearbeitet hast. DANKE!       
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