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  • Jakob Wassermann: Caspar Hauser: 11. November 2017

Autor Thema: Jakob Wassermann: Caspar Hauser  (Gelesen 584 mal)

Offline finsbury

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #15 am: 10. November 2017, 19:30 »
Leider habe ich den Golo Mann-Text nicht, weil ich die Fischer-Taschenausgabe aus den End-90ern im Rahmen der Reihe "Fischer Jahr100" lesen werde. Aber ich denke, ihr könnt ja dann berichten, was Wichtiges in dem Text steht.
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Offline Volker

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #16 am: 10. November 2017, 22:15 »
Vielen Dank! Dann ist es ja gut, dass  mein Versuch misglueckt ist. Dem Sayn gibt´s der Herr also doch  im Schlaf.
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Offline finsbury

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #17 am: 12. November 2017, 10:51 »
Nun habe ich die ersten 60 Seiten meiner Ausgabe gelesen und befinde mich in dem Kapitel "Caspar träumt".

Den Anfang fand ich etwas schwierig, aber gut: Wie für Caspar Hauser selbst formt der Autor auch für den Leser den Kosmos seines Romans erst langsam und schwer verständlich und vollzieht damit die Dunkelheit in Caspars Hirn nach. Je weiter die Handlung geht und je mehr auch Caspar versteht, desto konventioneller wird die Schreibe und desto deutlicher entwickeln sich die Personen.

Bedrückend wird geschildert, wie die Menschen Caspar eher als im Zirkus ausgestellte "Missgeburt" ansehen und ihn entsprechend angehen. Auch der ihm eigentlich  näher stehende Daumer hat letztlich nur ein Eigeninteresse und erforscht ihn wie einen neu entdeckten Zitteraal. Der Magistrat kümmert sich nicht darum, wie Caspar behandelt wird, und die badische Regierung sieht eine Gefahr aufkeimen, während die Justiz in Verwaltungsvorschriften badet: Die Bezüge zu unserer heutigen Welt stechen einem ins Auge.
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Offline JHNewman

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #18 am: 12. November 2017, 21:04 »
Ich habe jetzt mittlerweile 300 Seiten gelesen. Woran man sehen kann, dass ich von dem Roman sehr angetan bin. Nicht nur gefällt mir die Prosa Wassermanns, auch fasziniert mich das Thema. Wobei für mich die Frage nicht geklärt ist, was hier Wassermanns Interpretation ist und was sozusagen wirklich der Quellenlage entspricht. Aber dazu zu vielleicht dann später mehr.

Ich finde großartig, wie Wassermann schildert, dass der Findling nicht nur zum Spielball, sondern auch zur Projektionsfläche der Menschen um ihn herum wird. Da ist zunächst Professor Daumer. Für ihn ist Caspar rein. Ein pädagogisch unverbildeter, komplett unverdorbener Mensch mit großartigen Anlagen "des Geistes und des Herzens". Der Traum eines jeden Pädagogen. Was man aus so einem Menschen machen kann... Daumer will an diesem 'rätselhaften Geschöpf aus dem dunklen Nirgendwo' (S. 41) gleich seine Kunst probieren und auch sein eigenes Menschenbild belegen.

Caspar wird gleichsam zum 'Adam' der Schöpfungsgeschichte. Mit ihm lernen wir sehen, die Welt entdecken, mit ihm findet auch Daumer Namen für die Dinge. Das wird schon faszinierend geschildert. Im Spiegelkapitel entdeckt Caspar sich nicht nur selbst im Spiegel, sondern er wird auch zum Spiegel der Projektionen Daumers, der sich in der Person Caspars in eine unschuldige, reine Menschheitsphase vor dem Sündenfall zurücksehnt. Sozusagen das Paradies im eigenen Hause(r).

Großartig, wie Caspar sich dann auch im Spiegel zum erstemal als eigenständiges 'Ich' wahrnimmt - und damit lernt, dass die anderen von ihm abgetrennte Personen sind. Sozusagen sein eigener Sündenfall der Erkenntnis (oder der Individuation, Lacan (?) lässt grüßen, S. 58)

Aber Caspar wächst aus dieser Rolle dann doch schnell heraus und wird mehr und mehr zu einem 'Gewöhnlichen' (S. 110), womit er für Daumer an Faszination verliert.

Auch Frau Behold sieht ihn als 'unschuldig', aber statt als pädagogisches Versuchsobjekt versucht sie, ihn zu einem Objekt ihrer sexuellen Wünsche und Projektionen zu machen, was genauso schiefgeht.

Dann folgen die Stanhope-Kapitel. Hochinteressant, aber zunächst undurchschaubar. Kommt Stanhope wirklich als Vertreter einer fremden Person? Ist er überhaupt vertrauenswürdig oder will er Hauser genauso ans Leben wie der mysteriöse Attentäter?



 

Offline Volker

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #19 am: 13. November 2017, 21:01 »
am 10. 11. schrieb Finsbury, wir koennten ja dann berichten, was in Golo Manns Text wichtig sei. Der Text ist sehr "dicht", es ist schwer, daraus noch einen Extrakt zu machen. Trotzdem: G.M. singemaess: Der Autor (W) ist wie in alten Romanen allgegenwaertig und allwissend, er laesst sein Wissen aber broeckchenweise aus dem Sack (mir, also Volker, am deutlichsten aufgefallen, als er den Inhalt des Briefs, der Caspar mitgegeben wurde, erst einige Seiten nachdem er uebergeben wurde, mitteilt). Golo Mann hat sich sehr mit Ws. Quellenstudium befasst und teilt mit, dass W. alle damals zugaenglichen Quellen SEHR gruendlich studiert und in vielen Faellen ganze Dialoge fast woertlich wiedergegeben hat, vor allem auch solche Passagen bei denen man das am wenigsten vermuten wuerde, wie z. B. Caspars fruehen Schlosstraum, die Streitereien mit Lehrer Quandt (so weit bin ich, Volker, noch nicht) und die Worte des sterbenden Caspar. G.M.:"W. war von seines Helden verheimlichtem Prinzentum ueberzeugt.....Wie sonst haette er sein Buch schreiben und so schreiben koennen. Die Frage, wie es mit dem historischen Caspar denn stand, ist kuenstlerisch gleichgueltig, zumal sie, obendrein, ja doch nie wird geloest werden koennen." (war es Zefira, die gschrieben hat, es sei inzwischen geklaert, dass an der Sache nichts dran sei?).
G.M. setzt dann auseinander, dass W. gleichwohl souvraen mit den Quellen umgegangen sei und spricht mehrfach von Idealisierung unter Hinweis auch Schiller. G.M. schaetzte das Werk sehr: "Der Kuenstler gab sein Schoenstes, gab es jedenfalls dem Schreiber dieser Zeilen (G.M.), als er noch nicht , auf grossem Fusse in Alt-Aussee residierend und unter der Last zweier Frauen stoehnend das grosse Geld machen wollte und musste." "Als ich ihn (diesen Roman) jetzt wieder las, fuehlte ich mich beinahe so stark angeruehrt wie vor vierundfuenfzig Jahren, wenn das kein Beweis fuer die Lebenskraft eines Buches ist....."
Wie ist das eigentlich mit dem Urheberrecht? Ihr seid  ja nur wenige, ich duerfte Euch doch in Prvatmails den Text schicken-oder? Wenn ja, wie kann ich den eingescannten Text in die Mails "praktizieren"? Andererseits, so versiert, wie Ihr vermutlich im Umgang mit dem Netz seid, muesstet IHR den Text aus dem Archiv der FAZ abrufen koennen(?). Nach der Fussnote im Buch ist er dort am 09. Januar 1980 unter dem Motto "Romane von gestern- heute gelesen" erschienen. ICH habe mich auch insoweit als unfaehig erwiesen.
Jetzt zur Sache selbst: Danke fuer Eure Texte! Ich bin noch nicht so weit, dass ich weiss, was in dem Kreis mitteilenswert ist und was nicht, aber wenn mich etwas ganz besonders beruehrt und von Euch uebersehen worden sein solte, werde ich mich melden. Sicher bin ich aber langsamer als Ihr. Der Newman ist ja ein Zatopek.   
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Offline finsbury

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #20 am: 14. November 2017, 19:16 »
Danke, @Volker für die Zusammenfassung des Textes von Golo Mann. Mir reicht das - zusammen mit dem Link, den Maria uns im Materialthread gegeben hat -, um mir ein Bild zu machen. Wir lesen ja Wassermann, nicht Golo Mann.

Ich bin inzwischen im Kapitel "Botschaft aus der Ferne". Wie du, @Newman, schon nachzeichnest, geht es immer mehr darum, wie Caspar scheinbar seine Unschuld verliert, in Wirklichkeit aber immer mehr das Opfer seiner Umwelt wird. Sie beuten seine Unerfahrenheit aus, ziehen ihn zu sich herunter. Auch Daumer beutet ihn aus, und in dem Moment, wo er nicht mehr seinen idealistischen Erwartungen entspricht, schiebt er ihn ab.
Passt übrigens bitter zu unserer Reaktion auf die Flüchtlinge: Nachdem wir uns nicht mehr in der Sonne unserer international wahrgenommenen "Menschlichkeit" sonnen konnten, nahmen wir sehr schnell das Lästige wahr, dass da genauso gemischte Menschen, wie wir sie selber sind, zu uns gekommen sind, dies ihnen aber, im Gegensatz zu uns selbst vorwerfen. Wobei Caspar ja auch noch zur  Mitte des Buches ein extrem naiver und freundlicher Mensch ist, wenn man sich überlegt, was er bis dahin schon durchgemacht hat.

Nach dem ersten Drittel nimmt der Kriminalfall Fahrt auf: Caspar wird verfolgt und schließlich Opfer eines Attentats. Wassermann deutet mit seiner Erzählweise zunächst immer nur an, dass Caspar ein Sprössling mit politischen Implikationen ist. Schließlich wird in Feuerbachs Brief deutlich, dass es hier um einen Erbfolgefall in einem Fürstenhaus geht.
Die auktoriale Erzählweise gibt dem Leser viele Hintergründe an die Hand; Stark ist Wassermann immer dann, wenn er aus der Sicht Caspars auf die Umwelt sieht.
« Letzte Änderung: 15. November 2017, 19:17 von finsbury »
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Offline Zefira

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #21 am: 15. November 2017, 11:41 »
Ich bin noch nicht so weit, habe eben erst "Caspar träumt" gelesen.
Mir fällt sehr auf, wie berechnend sich Caspars Umwelt verhält, in dem Sinn, dass seine Mitmenschen ihm ohne weiteres unterstellen, selbst berechnend zu sein. Der Rittmeister von Wessenig behauptet, er habe einen Brief von Caspars Mutter, um seine Reaktion zu beobachten - ohne zu bedenken, dass er damit in Caspar eine Erwartungs auslöst, die nur in tiefe Traurigkeit münden kann. Auch dass die geschenkten Reitstunden ihm missgönnt werden, ist eine typische Verhaltensweise des Sozialneids (ich erlebe das selbst in meiner Umgebung - wenn etwa gutsituierte Leute herummosern, weil jemand einem Flüchtling ein Fahrrad schenkt oder ein Frisör Obdachlosen umsonst die Haare schneidet).
Es ist übrigens gut, dass ich vor dem Lesen des Buches aus den kommentierenden Texten (die hier verlinkt wurden) erfahren habe, wie eng sich Wassermann an die dokumentierte Wirklichkeit gehalten hat. Ich dachte immer, das Buch sei eine Art exemplarischer Roman, also das meiste frei erfunden.

Grüße von Zefira

Offline Volker

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #22 am: 15. November 2017, 17:18 »
Ja, ich wollte mich auch noch bei Finsbury fuer die Materialien bedanken. War sehr interessant, vor allem weil die eine antroposophisch angehaucht war und den Wassermann gerne dort gesehen haette. Zu Euren Bemerkungen zum Text koennte ich nichts hinzufuegen. Ihr macht das ganz grossartig. Ich staune immer. Danke fuer alles!
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Offline finsbury

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #23 am: 16. November 2017, 18:34 »
Danke für die Blumen, @Volker  :zwinker:. Dabei habe ich selber noch gar nicht alle Links gelesen ... .

Ich bin inzwischen mit dem ersten Teil fertig und habe den zwielichtigen englischen Lord kennen gelernt, der böse Machenschaften mit Caspar vorhat. Auch wenn ich eher distanziert lese, tut es einem doch fast weh, wie diese naive Seele von einer Hoffnung und Beziehung in die andere geschubst wird, und letztlich geht es allen nur um Profit, kalte Pflichterfüllung oder persönliche Eitelkeit.

Der wassermännische Caspar ist schon ein armes Schwein, egal was immer der echte Caspar Hauser gewesen sein mag.


Der Literaturpapst Rolf Vollmann, dessen Bücher und Essays ich sehr mag, schätzt Wassermanns Caspar Hauser übrigens recht hoch ein: In "Die wunderbaren Falschmünzer" steht dazu:

Zitat von:  Vollmann: Die wunderbaren Falschmünzer, Kapitel zu 1908
(...) einen ganz  außerordentlich guten und klugen Roman; Wassermann hat die Quellen studiert, er bleibt ganz nah bei ihnen, er zitiert sie, und wo er selber schreibt, merkt man der wie von der Sache aufgezwungenen Ruhe seiner Sätze und seines ganzen Vorgehens die Erschütterung an, in die den jungen Autor dieser plötzliche Blick in die dokumentierte Realität von Leben zwischen Geschichte und Politik gestürzt haben muss. Großartig gelungen ist hier, wo schon die nicht erfundenen Personen in ein romanhaftes Geschehen verstrickt sind, auch einmal ihre Mischung mit fiktiven Figuren, sonst eine Crux derartiger Versuche: aber Wassermann, so gut wie nie zuvor und selten wieder danach, wandelt hier wie in Trance über alle Grate, von denen er von selber eigentlich stürzen müsste.

Wobei ich mich frage, welche Personen mit wichtiger Funktion in der Geschichte eigentlich überhaupt ausgedacht sind. Bei einigen ist zwar der Name geändert, aber der Bezug auf die historischen Personen ist ganz eindeutig. Allerdins wird der Lord, der laut des Wiki-Artikels zwar recht wankelmütig war, bei Wassermann zu einem echten Verbrecher. Bin gespannt, wie weit sich hier der Roman von der dokumentierten Realität entfernt.
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Offline JHNewman

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #24 am: 17. November 2017, 11:19 »
Mit Stanhope bin ich noch nicht viel weitergekommen. Er macht sich ja regelrecht an Caspar heran. Es gibt Hinweise, dass er im Auftrag einer anderen Person handelt, dann erscheint er doch wieder wie ein völliger Betrüger. Caspar setzt große Hoffnungen auf ihn, wird aber dann doch enttäuscht.

Übrigens hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, dass Stanhope mir zuvor in diesem Jahr schon einmal begegnet ist. Und richtig: Er taucht in dem Roman 'Zeithain' von Michael Roes zum Thema Friedrich der Große und Katte auf...

Offline Zefira

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #25 am: 17. November 2017, 11:22 »
Ich verreise übers WE und bin offline, nehme das Buch aber mit. Bis nächste Woche.  :winken:

Offline finsbury

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #26 am: 18. November 2017, 17:20 »
Übrigens hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, dass Stanhope mir zuvor in diesem Jahr schon einmal begegnet ist. Und richtig: Er taucht in dem Roman 'Zeithain' von Michael Roes zum Thema Friedrich der Große und Katte auf...

Dann muss es aber ein Vorfahr gewesen sein!

Der historische Stanhope, der sich um Caspar Hauser kümmerte, schien zunächst ein aufrichtiges Interesse an diesem zu nehmen, fühlte sich aber später von ihm betrogen. Im historischen Fall wird in den Internetquellen nicht geschrieben, dass Stanhope in die angebliche Affaire bezüglich des Prinzen von Baden, der Hauser sein sollte, verwickelt war.

Wassermann lässt bisher kein böses Haar an Hauser (bin fertig mit dem Kapitel "Anbetung der Sonne"). Alle weniger "netten" Handlungen und Verhaltensweisen Caspars werden aus seinen Umwelterfahrungen erklärbar, während die Historiografen aufzeigen, dass Caspar sehr wohl ein Hochstapler gewesen sein könnte. Wir lesen eben einen Roman, und da ist es ein vernachlässigter und frustrierter Mensch, dessen Schicksal ich durchaus mitleidig folge. 

Manchmal hat der Roman fast Jean Paulsche Qualitäten, gerade in dem oben erwähnten Kapitel, ist allerdings auch wie bei Jean Paul manchmal eine Gratwanderung zwischen der Unendlichkeit des Alls und Kitschelementen. Wobei ich glaube, dass sich Wassermann auch bei Stellen, die uns heute sehr kitschig anmuten, wie die Szenen, als Caspar vor der Fahrt nach Ansbach einige Zeit verschwunden ist und eben im obigen Kapitel, vielleicht auf Quellenmaterial beruhen, die kitschige Anmutung also nicht von Wassermann zu verantworten ist.

Interessant, dass man früher zwei Reisetage für die Strecke Nürnberg - Ansbach brauchte, heute wäre das locker in einer Dreiviertelstunde erledigt.
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Offline Volker

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #27 am: 19. November 2017, 23:04 »
Weil ich vor dem offiziellen Start schon etwas (geschummelt) voraus- gelesen hatte (ich waere sonst fuer Euch vermutlich zu langsam), beginne ich jetzt mit dem Kapitel Schildknecht. Bisher hatte ich, da meine Gedanken weitgehend mit den Euren parallel liefen, nicht das Beduerfnis, irgndetwas anzumerken. Jetzt erregt aber Finsburys Bemerkung ueber das Verschwinden Caspars vor der Fahr nach Ansbach meinen Widerspruchsgeist. Gerade diese Passage, die ich eben eine halbe Stunde gesucht, aber nciht wiedergefunden habe, finde ich besonders gelungen. Wie geschrieben, ich kann sie nicht wiederfinden, aber fuer mich ist es eine Schluesselstelle. Ich lese sie so: Caspar entfernt sich an diesem Wendepunkt aus allen Zwaengen und geht so weit in seinem Leben zurueck, wie es ihm moeglich ist, naemlich in den Turm in Nuernberg. Es ist eine Selbstvergewisserung. Die Begegnung mit den Kindern des Waechters laesst ihn ahnen, wie es haette sein koennen, wenn er unter "normalen" Umstaenden aufgewachsen und sich haette Entwickeln koennen. Dann der Gang in den Wald (denkt mal an Eichendorf) und die "Anbetung" des Baumes: Oh Baum....Das Ganze ist ja die erste wirklich selbstaendige Handlungsfolge. "Grosse" daran finde ich ausserdem, dass Wassermann nur die Tatsachen beschreibt, ohne zu psychologisieren und zu interpretieren als da waere: Caspar fasste einen Entschluss: Ich muss einen Weg finden, mir ueber mich klar zu werden....). Nach meiner Ennerung wird der ganze Ablauf von jemand anderem referiert (Im Briefkapitel?). Kommt die Stelle, wo der Buergermeister (?) schreibt, dass Caspar "Haltung" gezeigt habe, nach dieser Passage? Jedenfalls hat Caspar danach einen gefestigten Charakter, waehrend er vorher im Wesentlichen Objekt war. So etwa sehe ich das jedenfalls.     
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Offline Volker

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #28 am: 19. November 2017, 23:56 »
nochmal ich, Entschuldigung. Die oben beschriebene Stelle markiert m.E. tatsaechlich einen Wendepunkt: Caspar hat gemerkt, (ohne dass Wassermann das deutlich schreibt), dass aus mit ihm und dem Grafen und der weiten Welt nix wird. Nach dem Ausflug, bei dem er sich (etwas) Klarheit ueber seine Gefuehle und seine Stellung in der Welt veschafft hat, gibt er dem Grafen ohne Erklaerung den Ring zurueck (auch diese Stelle kann ich nicht wiederfinden, verflucht) und laesst sich letztlich (aeusserlich) widerspruchslos nach Ansbach verfrachten.
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Offline finsbury

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Re: Jakob Wassermann: Caspar Hauser
« Antwort #29 am: 20. November 2017, 19:48 »
Ich stimme dir durchaus zu, @Volker, dass das eine Schlüsselstelle ist und interpretiere sie auch genauso wie du. Sie wirkt sprachlich eben nur so, wie die Romantiker geschrieben haben, und 100 Jahre später ist das halt  epigonal und anders, als Wassermann sonst hier schreibt. Aber der Vergleich mit Jean Paul birgt eben genau auch die Qualität des Ereignisses, die du oben ansprichst: Kaspar befindet sich hier in einem tiefen Erkenntnisprozess, das meinte ich mit der All-Anspielung.

Bin kaum weiter gekommen, jetzt im Kapitel: "Joseph und seine Brüder".
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