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Zu den Frauen: Mit der Argentinierin meinst Du wahrscheinlich Lätizia. Sie ist eine außereheliche Tochter Crammons und erscheint imi "Teenageralter" zunächst auf reizende Weise unbedarft; mit zunehmendem Alter wird ihre geistige Anspruchslosigkeit aber manchmal recht peinlich. Als sie und Christian einander das erste Mal begegnen, lebt er noch als sehr junger Mensch glücklich in vollem Weltgenuss. (Es gibt da eine sehr sprechende Szene, als er mit seiner Hundemeute rauft - im Grunde unterscheidet er sich kaum von den Hunden.)
Kurze Zeit später heiratet Lätizia einen jungen, sehr reichen Argentinier, dessen Familie ursprünglich aus Deutschland - oder Österreich? - stammt; er macht ihr auf sehr ungestüme und schmeichelhafte Weise den Hof. Als er sie erst einmal in Argentinien unter Dach und Fach hat, entpuppt er sich als Halbwilder. Das war eine Passage des Romans, die mir sehr unangenehm war. Die ganze Familie des Argentiniers könnte direkt aus "Game of Thrones" oder einer italienischen Oper entsprungen sein. Als er zum Beispiel einmal Lätizia mit wildem Augenrollen droht, er werde sie erstechen, wenn sie ihn betrügt, antwortet sie ganz naiv, er möge ihr doch den Dolch zeigen, sie sei neugierig.
Lätizias Haupteigenschaft als vollkommener Dummbatz gibt sich auch später nicht, nachdem sie den Argentiniern entkommen und wieder in Deutschland angekommen ist. Nach meiner Erinnerung begegnet sie Christian übrigens nicht mehr, da er sich inzwischen von seiner Familie und dem ganzen gesellschaftlichen Dunstkreis losgesagt hat.

Erheblich wichtiger im Rahmen des Romans ist die Tänzerin Eva, nach der der erste Band benannt ist (der zweite heißt "Ruth"). Als Christian und Eva einander kennen lernen, ist sie ihm geistig weit überlegen: Sie ist bereits eine ausgeformte Persönlichkeit, hat eine riesige Fangemeinde, empfängt und hält Hof; er ist zunächst nur einer ihrer Trabanten - sie gibt ihm den Spitznamen Eidolon*, übrigens ist er zu dieser Zeit mit einer anderen Frau liiert. Trotzdem macht sich (wenn ich mir das nicht nur eingebildet habe) von Anfang an eine starke erotische Spannung zwischen den beiden bemerkbar. Alles deutet in Richtung einer Liebesbeziehung, die auch zustande kommt und die ich, wie schon oben erwähnt, als beglückend und passend empfunden habe, als es endlich so weit war. Leider ist es nur eine ganz kurze Episode in beider Leben. Interessant ist, dass Christian ihr einen gigantischen, überaus kostbaren Diamanten schenkt - und das zu einer Zeit, als er bereits anfängt, solche Insignien des Reichtums wie Schmuck, Schlösser**, Kunstsammlungen und dergleichen zu verachten. Ich hatte den Eindruck, dass der Erwerb dieses Diamanten, der selbst für seine Begriffe extrem viel Geld kostet, so etwas wie eine symbolische Gabe ist, um sich von der Welt, die Eva repräsentiert - dem Glamour, Prominenz, Reichtum - loszukaufen.

Wassermann hat - nach meiner persönlichen Meinung - nicht immer die glücklichste Hand mit seinen Frauengestalten. Sie sind oft ausschließlich als Gegenstück zu seinen männlichen Hauptpersonen konzipiert, mehr Symbole als Persönlichkeiten. Zum Glück zeigt sich das bei den wichtigsten Frauen im "Wahnschaffe", nämlich Eva, Ruth und Karen (zu der ich hoffentlich noch kommen werde) nicht allzu deutlich. Eva ist eine wirklich lebendige, überaus interessante, differenziert geschilderte Frau.

Später gerne mehr.

*) Gegen Ende des Romans kommt noch einmal der alte Crammon zu Wort: "Wenn er in seinen Erinnerungen wühlte, einem Sammler vergleichbar, der seine eifersüchtig behüteten Schätze mustert, war es stets Christians Gestalt, die vor allen anderen verklärt emporstieg. Der Christian des Anfangs, nur der; unter den Hunden im Park; in der Mondnacht unter der Platane, im erlesen geschmückten Saal der Tänzerin ... Christian lachend, Christian verführend, Christian verschwendend, Christian der Herr; Eidolon."
Eidolon, ich habe es nachgeschlagen, bedeutet soviel wie Trugbild; nach Platon der erste Abdruck im Bewusstsein, der Wiedererkennen gewährleistet - also auch Symbol oder Abbild, wie eine Fotografie. Im nachhinein erscheint es selbstverständlich, dass Christian sich nicht damit zufriedengeben wird, ein Eidolon zu sein; er will sich entfalten. Ich hatte bei meinen Wassermann-Lektüren mehrmals das Gefühl, dass er (Wassermann) seinen Frauenspersonen eben jene Entfaltung verweigert - zum Beispiel den Schwestern im "Gänsemännchen". Die Tänzerin Eva jedoch, die mehr als alle anderen Frauen im Wahnschaffe zur Entfaltung gelangt, ist interessanterweise eine uneheliche Tochter des "Gänsemännchens" Daniel Nothafft. Vielleicht ist das so eine Art Abbitte des Autors ...

**) Christian besitzt von seinen Eltern einen schlossartigen Landsitz mit Namen "Christiansruh"! Ich bin schon recht dankbar, dass ich mir hier den Raum nehmen darf, über den Roman zu erzählen ... Der Name war mir immer unbehaglich; mir wird jetzt erst klar warum. Er klingt, als sei Christian schon tot. Christiansruh gehört zu den Besitztümern, die er als erstes verkauft.
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Erst mal Danke fuer den Hinweis, dass Du, Zefira, hier geschrieben hast. Habs sogar im zweiten Anlauf kaum gefunden (ging nicht "von selbst"). Du hast das so unglaublich gut wiedergegeben, dass etwaige Beitraege von mir nur hilflos wirken koennten. Eine Anregung dennoch (ich fuehle mich zur Ausfuehrung zu schwach): Es sind ja sechs sehr unterschiedliche Frauen, die in der Handlung tragende Rollen haben (wenn man von der Mutter absieht): Die "Argentinierin" (Namen vergessen), die Taenzerin, Johanna, Ruth, schliesslich die Frau, mit der er (in schwer zu begreifender Weise, aber das zeigt m.E. den Kern und die "Echtheit" seiner Wandlung am besten) schliesslich zusammenlebt und deren Mutter . Ruth und ihre "Rolle" hast Du meisterhaft geschildert. Die "Funktionen" der anderen kommen mir ein wenig zu kurz. Koenntest DU da noch etwas sagen? Interessant finde ich Deinen Blick auf den Zauberberg und Hans Castorp: Wahnschaffe spielt ja auch in dieser Umbruchzeit und die Taenzerin wird ein Opfer der (ersten?) Russischen Revolution (1904?). Die Weltereignisse spielen ja auch in den Roman rein, ueber Becker. Das muss dem Wassermann wichtig gewesen sein, sonst haette er den Roman als "Kammerstueck" geschrieben. Du erwaehnst die von der Mutter "ausgeliehene Perlenkette", die eine geradezu ungeheuerliche Rolle im Roman spielt. Ich denke, Sandhofer hat recht: Du solltest das alles bringen, nachdem Du den Kern so wunderbar herausgearbeitet hast. DANKE!       
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Rund ums Buch / Re: Neue Bücher, Buchtipps und Bücherlisten
« Letzter Beitrag von Zefira am Gestern um 20:53 »
Stimmt! Hab ich doch glatt übersehen.  :pling: Danke!
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Rund ums Buch / Re: Neue Bücher, Buchtipps und Bücherlisten
« Letzter Beitrag von finsbury am Gestern um 19:49 »
Wenn man doch mal eine Leseprobe hätte! Ich mag Hardy sehr und würde es mir kaufen, wenn ich wüsste, dass die Übersetzung wirklich besser ist als die, die ich jetzt habe (mit dem Titel "Herzen in Aufruhr").

Aber das kannst du! Der unten angegebene Link hat eine Blick ins Buch - Funktion.
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Rund ums Buch / Re: Neue Bücher, Buchtipps und Bücherlisten
« Letzter Beitrag von Zefira am Gestern um 18:44 »
Wenn man doch mal eine Leseprobe hätte! Ich mag Hardy sehr und würde es mir kaufen, wenn ich wüsste, dass die Übersetzung wirklich besser ist als die, die ich jetzt habe (mit dem Titel "Herzen in Aufruhr").
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Rund ums Buch / Re: Neue Bücher, Buchtipps und Bücherlisten
« Letzter Beitrag von klassikfreund am Gestern um 14:49 »
Vor ein paar Tagen ist eine Neuübersetzung von "Thomas Hardy - Jude Fawley, der Unbekannte" bei Hanser erschienen:



Wie immer sehr schön gemacht. Gehört eindeutig zu den schönsten Buchreihen.
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Nicht kanonisch, modern, Generelles / Re: Was lest ihr gerade?
« Letzter Beitrag von JMaria am 18. Februar 2018, 12:43 »
Hallo JHNewman,

noch zum Schluss von „Unter der Drachenwand“ meine Gedanken.

Zitat
Dann frage ich mich natürlich beim letzten Kapitel angeht: ist auch das Fiktion oder Fakt?


Das fragte ich mich auch. Ich stell mir vor, dass Arno Geiger um faktische Namen (vielleicht gibt es ja tatsächlich z.b. diese Grabstätte...) eine fiktive Geschichte umrankte.

Vielleicht weit hergeholt.... aber ich möchte damit sagen, dass dieser Dreh nochmals die Phantasie des Lesers anregt und auch etwas die Seele tröstet.

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Buchvorschläge / Re: Don Quijote von Cervantes
« Letzter Beitrag von Volker am 17. Februar 2018, 18:42 »
Vielen Dank. Das hatte ich uebersehen und die Kalenderfunktion hatte ich auch noch gar nicht ausprobiert....
Ich weiss nicht so recht, ob das, was ich jetzt schreibe, HIER am Platze ist?: Ich habe mir inzwischen das kleine Baendchen "Meerfahrt mit Don Quijote" von Thomas Mann (1934) besorgt (antiquarisch, Insel, urspruenglich Fischer) und fand es sehr interessant. Seine (Th. Ms) Gedanken sind auch in dem Nachwort von Fritz Martini verarbeitet, das in der Ausgabe von dtv-Klassik, 5. Auflage 1987, Uebersetzung Braunfels, Illustrationen Grandville, abgedruckt ist.
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Klassiker als Hörbuch / Re: Kostenlose Hörbuch Downloads
« Letzter Beitrag von JMaria am 17. Februar 2018, 10:46 »
Der Schneesturm
Puschkin
gelesen von Jens Wawrczeck
https://www.br.de/mediathek/podcast/radiotexte/alexander-puschkin-der-schneesturm/245964

Außerdem der 1. Teil von Thomas Bernhard "Städtebeschimpfungen"
Es lesen Peter Simonischek und Michael König
https://www.br.de/mediathek/podcast/radiotexte/thomas-bernhard-staedtebeschimpfungen-1-3/232018


Hörstück über
Arthur Rimbauds Reisen
Semelles de vent
Von Bruno Letort
http://www.deutschlandfunkkultur.de/hoerstueck-ueber-arthur-rimbauds-reisen-semelles-de-vent.1022.de.html?dram:article_id=402092


Gedichte und ihre Geschichte:
Paul Fleming, "Wie er wolle geküsset seyn"
https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/am-samstagnachmittag/paul-fleming-wie-er-wolle-gekuesset-seyn-halb-gebissen-halb-gehaucht/-/id=10710046/did=21170098/nid=10710046/1fq9tga/index.html

«Bitzius» von Beat Sterchi
über den Dichter Jeremias Gotthelf
https://www.srf.ch/sendungen/hoerspiel/bitzius-von-beat-sterchi

Geronimo
Leon de Winter
kann man nun vollständig runterladen:
https://www.ndr.de/info/podcast4366.html
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Nicht kanonisch, modern, Generelles / Re: Was lest ihr gerade?
« Letzter Beitrag von klassikfreund am 16. Februar 2018, 08:55 »
Wenn man jetzt auch noch bedenkt, dass wir den gleichen Vornamen tragen, sind das schon ziemlich viele Gemeinsamkeiten.  :zwinker:

Erschreckend. Und ich dachte, ich sei einmalig.  :breitgrins:
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