Walter von der Vogelweide

  • Walter von der Vogelweide lebte von ca.1180 bis mindestens 1227. Über seine Biografie gibt es nur eine zeitgenössische Quelle, die Gabe von einigem Geld zum Kauf eines Wintermantels durch einen österreichischen Bischof.
    Ansonsten wissen wir aber viel über Walter, weil er, recht uncharakteristisch für einen hochmittelaterlichen Dichter, in seinen Dichtungen sehr viel über sich und seine Meinung preisgibt.
    Aufgrund von sprachlichen Untersuchungen und seinem frühen Engagement beim Herzog von Österreich geht man davon aus, dass Walter aus dem Österreichischen stammt.
    Er war wohl nicht von Adel, aber auch kein einfacher Schausteller oder Musiker, der von Hof zu Hof zog. Von diesen grenzt er sich durchaus mit "Standesdünkel" ab. Sein Lehrmeister war Reinmar, der "Alte" oder "von Hagenau" am österreichischen Hof, mit dem er sich später aber eine heftige Fehde lieferte, um ihn dann nach seinem Tod dennoch ehrlich zu betrauern.

    Walter lässt uns an den Schwierigkeiten seiner Abhängigkeit von adeligen Förderern immer wieder teilnehmen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er von seinen Gönnern etwas für sich, aber auch allgemein in Bezug auf ihre politischen Entscheidungen fordert. Seine Spruchdichtung wirkt dadurch sehr aktuell und politisch. Wenn ihm ein Gönner nicht mehr genug bietet, wechselt er auch gerne mal zu einem anderen über und singt über diesen Spott- statt Preislieder. So wechselt er vom österreichischen Herzog, nachdem der Vater gestorben ist, zum Stauferkönig Philipp II, später dann zu dessen erbittertem Gegner, dem Welfenkönig Otto IV, darauf zum jungen Stauferkaiser Friedrich II und auch zu einigen kleineren Adelsherren wie dem Grafen Hermann von Thüringen. Von Kaiser Friedrich erhält er dann auch gegen Ende seines Lebens ein Lehen, wenn wir auch nicht wissen, in welcher Form, ob als Landbesitz oder festes Gehalt.
    Die Wissenschaftler vermuten mehrheitlich, dass dieses Lehen mit der Umgebung von Würzburg verbunden ist.
    Seine Abneigung und daher heftigen Angriffe richten sich immer wieder gegen die Päpste dieser Zeit und die egoistischen und ausbeutenden Entscheidungen des Klerus sowie die Einwirkungen des Papstes auf seine Könige und Päpste, die allesamt je nach politischem Kalkül des amtierenden Papstes aus der Kirche ausgeschlossen wurden.
    Neben seiner politischen Dichtung ist er besonders bekannt für seine Minnelyrik, die sich über die zu seiner Zeit bereits schon erstarrte "Hohe Minne" hinwegsetzt und dieses künstliche Konstrukt des Dienstes eines RItters für eine hohe adelige Dame durch eine sehr modern anmutende Ich-Du-Beziehung ersetzt. In seinen "Mädchenliedern" feiert er eine solche natürliche Liebe.
    Sein Alterswerk ist von Selbstzweifeln und tiefen Einsichten durchzogen und enthält auch für uns Heutige immer noch Wertvolles.


    Ich habe mich in letzter Zeit mit den Liedern und Sprüchen Walters beschäftigt, aber auch Sekundärliteratur und historische Romane gelesen, in denen Walter eine Rolle spielt.
    Während meines Germanistikstudiums war ich eher im Spätmittelalter unterwegs und so war mir dieser faszinierende Dichter bis auf seine bekanntesten Werke noch eher unbekannt. Er war sicherlich nicht ein tadelloses Vorbild und wirkt in seinen Texten oft egoistisch und wankelmütig, dann aber auch ergreifend betroffen und tief einsichtig in menschliches Handeln. Gerade deshalb hat er auch uns modernen Menschen, die wir ja noch viel mehr vom Tagesgeschäft bestimmt sind, immer noch viel zu sagen.

    Empfehlen kann ich die Fischer-Ausgabe seiner Gedichte im Original sowie mit einer nachvollziehenden, nicht dichterischen Übertragung von Peter Wapnewski. Uwe Rump hat eine interessante Rowohlt-Mongrafie über ihn geschrieben.
    In Tanja Kinkels unterhaltsamen historischen Roman "Das Spiel der Nachtigall" steht er im Mittelpunkt und erhält eine durchaus mögliche Charakterisierung, wenn auch das über die historischen Fakten, die gut recherchiert sind, hinausgehende Geschehen eher etwas abstrus ausfällt. In Tilman Röhrigs Friedrich II-Roman "Wie ein Lamm unter Löwen" kommt es auch immer wieder zu Auftritten weniger des DIchters, aber seiner Dichtungen.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)