Iwan Turgenjew

  • Liebes Forum,


    unsere Ereignisübersicht weist zur Zeit auf den 125. Todestag von Iwan Turgenjew hin. Einen Turgenjew-Ordner scheint es hier allerdings noch nicht zu geben. Könnt Ihr mir etwas zum Einstieg empfehlen? Turgenjew ist für mich ein gänzlich unbeschriebenes Blatt.


    Viele Grüße


    Tom

  • Von Turgenjew kenne ich nur den Faust. Es ist aber bestimmt schon 15 Jahre her, das ich den gelesen habe. Ich glaube ihn aber positiv in Erinnerung zu haben.

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

  • Ich habe bisher nur seinen Roman "Väter und Söhne" gelesen, den ich empfehlen kann. Da die Lektüre aber schon lange zurückliegt, kann ich nicht viel mehr dazu sagen, müsste die Notizen hervorkramen :zwinker: Bei Manesse erschienen vor nicht allzu langer Zeit (letztes Jahr?) seine "Aufzeichnungen eines Jägers".


    Imrahil

    "Die Kunst des Nachdenkens besteht in der Kunst..., das Denken genau vor dem tödlichen Augenblick abzubrechen. - Thomas Bernhard, Gehen

    Einmal editiert, zuletzt von Imrahil ()

  • Hallo Sir Thomas,


    in noch ziemlich jungen Jahren habe ich recht viel von Turgenjev gelesen: Die Romane "Ein Adelsnest", "Rauch", "Väter und Söhne", "Vorabend", den Erzählungsband "Erste Liebe" und die Komödie "Ein Monat auf dem Lande". Die "Aufzeichnungen eines Jägers" habe ich noch auf meinem SUB.
    Leider ist das alles lange her, so dass ich mich nicht an Einzelheiten erinnere.
    Mir ist der Eindruck geblieben, dass Turgenjev ein sehr eleganter Schriftsteller ist, der gesellschaftliche Zustände gut aufzeigt und vielleicht ein paar Ähnlichkeiten mit unserem Fontane hat. Ich habe damals seine Sachen sehr gerne gelesen, besonders die drei erstgenannten Romane.
    Müsste eigentlich mal wieder was von ihm lesen. Die Russen habe ich in den letzten Jahrzehnten wirklich vernachlässigt, weil ich so vieles schon ganz früh las und danach andere Literaturen entdecken wollte.


    HG
    finsbury

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Hallo,


    nach Euren Kommentaren bin ich fest entschlossen, meine Turgenjew-Lücke zu schließen. Ich werde vermutlich mit "Erste Liebe" beginnen.


    Vielen Dank für die Tipps und viele Grüße


    Tom

  • Hallo,


    heute werfe ich mal zwei Erzählungen in den Raum :idea:


    "Ein König Lear aus dem Steppenland"


    In der nach Motiven aus Shakespeares Drama „König Lear“ konzipierten Geschichte, erfahren wir vom Gutsbesitzer Martyn Petrowitsch Charlow, der auf seinem Gut Jeßkowo uneingeschränkt herrscht. Seine Befehle werden ungewohnt schnell ausgeführt. „Er braucht nur zu sagen: Mein Wort ist heilig! - das ist dann so...“ Turgenjew zeichnet den ungebildeten Charlow sehr ironisch, in dem er den Gutsbesitzer Charlow um seine angeblich bedeutende adlige Herkunft irren lässt, Spott ertagen muss und beschreibt ihn als eher tierisch als menschlich mit herkulischen Kräften. Es ist klar, Turgenjew will allgemein gegen den Gutsadel schreiben. Vor Charlows Gestalt würde ich in Angst erstarren: Optisch schon fast ein Calibantypus. Ein ungeheurer Koloss, auf dem ohne Hals schräg der Kopf mit einem ganzen „Heuhaufen wirren gelbgrauen Haares ragte“, eine Knollnase, kleine hochmütig anmutende Augen, kleiner Mund, aus dem sich eine heisere jedoch „ungewöhnlich stark“ tragende Stimme quillt. „Ihr Klang erinnerte an das Klirren von Eisenplatten, die auf einem Wagen über eine schlecht gepflasterte Straße gefahren werden -" , heißt es. Vor diesem Koloss duckt jeder auf dem Gut, zwei Töchter, ein Schwiegersohn und die Bediensteten.


    Es ist halt schön, wenn Turgenjew die Schwächen solcher Machthaber bloßlegt. Da hilft Martyn Petrowitsch Charlows Stellung auch nichts mehr. So hat der gigantische Gutsbesitzer Stunden der Melancholie und sein bisheriges Weltbild bricht zusammen, als er wegen eines Traumes, seinen Tod herannahen sieht. Plötzlich erkennt er, sein Leben hat irgendwann auch einmal ein Ende. Im Glauben seines herannahenden Todes verfasst er ein Testament, wodurch sich die Machtverhältnisse in Jeßkowo ändern. Schließlich ist es nun Charlow, der von den neuen Machthabern gedemütigt wird. Er rächt sich mit unerbittlicher Wut. Wenn in der Shakespeare's Tragödie einer nach dem anderen stirbt und am Ende die Zukunft in völlig Ungewissenem liegt, bekommt wir bei Turgenjew noch einen Ausblick nach der Katastrophe.


    Turgenjew zeichnet die Figuren mit feinem Strich. Besonders gefallen hat mir, wie die Boshaftigkeit hinter der Fassade von Charlows Gegnern aufblinkt (besonders denke ich an die Szene mit Charlows Schwiegersohn Wolodja, Tochter Jewlampia und dem Sohn der Nikolajewna).


    Eine Erzählung, in der es um Macht und Bosheit geht. Mit zwinkerndem Auge kann festgestellt werden, auf Macht sollten sich Machthaber nichts einbilden. Sie kann schnell zu Ende gehen. Turgenjew persifliert die Macht russischer Gutsbesitzer.


    "Erste Liebe" :bussi:


    Im Zentrum der Novelle stehen die Gefühle des sechzenjährigen Wladimir Petrowitsch, der sich zum ersten Mal verliebt. Diese Novelle, in der anstatt einer „unerhörten Begebenheit“ ein Gefühl umkreist wird, ist durchaus vergleichbar mit einigen Novellen Stefan Zweigs, bei denen es sich auch so verhält.


    Wladimir wohnt mit seinen Eltern in einer gemieteten Villa, gegenüber desNekutschnyi Parks in Moskau nicht weit vom Kalugaer Tor. Es dürfte sich um eine Außenviertel von Moskau handeln. Wladimir, ein sehr sensibler, Junge, der von der Liebe noch nichts weiß als „schamhafte Vorahnung von etwas Neuem, unsäglich Süßem und Weiblichen...“, was immer er darüber dachte, die Ahnungen durchdrangen sein ganzes Wesen, er wartete nur noch darauf, dass diese Vorahnungen in Erfüllung gehen. In dieser Zeit zog eine verarmte Gräfin mit ihrer Tochter Sinaida in einen Flügel des Hauses ein. So kam es, Wladimir sah Sinaida im Garten und es war um ihn geschehen. Turgenjew beginnt nun, von den Gefühlen des Jungen zu erzählen, wie er sie mit den Augen verzehrt, die erste persönliche verhaltene Begegnung. Es spinnt sich eine einseitige Beziehung an, d.h. Wladimir ist verzückt von der Zweiundzwanzigjährigen, Sinaida scheint ihn zwar zu mögen, doch erfahren wir aus dem Text eine Distanziertheit dem Jungen gegenüber. Sicher, sie sind gerne zusammen und sie mag sich geschmeichelt fühlen. Eines Tages besucht Wladimir sie wieder, und er macht betroffen die Erkenntnis, dass sich noch andere Männer für die Junge Frau interessieren.


    Turgenjew lässt den Leser in unaufdringlicher Weise in die Gefühlswelt des Jungen eintauchen. ohne dass es zu einer Annäherung Kitsch kommt. Eine Achterbahnfahrt von zwischen liebesseligen Gefühlen Eifersucht und Enttäuschung. Da mag man ja denken, Sinaida fühle sich geschmeichelt, aber „sie amüsierte sich über meine Leidenschaft, sie neckte mich, sie verwöhnte mich und quälte mich recht.“ In dieser Art hält sie auch andere Männer hin, die ihr zu Füßen liegen. Freud und Leid liegen nah beieinander:

    „Es ist so süß, die einzige Quelle, der selbstherrliche und verantwotungslose Grund der größten Freuden und des tiefsten Leides eines anderen zu sein – und so war ich in Sinaidas Händen wie weiches Wachs.“


    Alle, die sie liebten hielt sie „an der Kandare“, sie ließ die Männer nach ihrer Pfeife tanzen. Das ist schon ein Ausdruck von Lebensüberdruss, langer Weile oder Unreife. Die Geschichte enwickelt sich in dramatischer Weise, als Wladimir merkt, Sinnaida Liebe jemand ganz anderen. Turgenjew will darauf hinaus, uns sagen, dass eine unerfüllte Leidenschaft Gefahren birgt. Irgendwann ist es zu spät und man kann sich nicht mehr von ihr befreien.


    Liebe Grüße
    mombour

  • "Väter und Söhne" ist eins meiner Lieblinge, Streichelbuch, ich hoffe, dass einige von euch mittlerweile Turgenjew kennen gelernt haben. Denn er ist eine absolute Empfehlung von mir :winken:


    Anita

    Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

  • Hallo,


    ach ja, die russische Literatur, wird von mir die letzten Jahre sehr vernachlässigt. Jedes Jahr nehme ich sie mir vor (auch Turgenjew) und immer wieder drängen sich andere vor, meist französische Literatur. Vielleicht klappt es ja noch, wenigstens mit einem Buch in diesem Jahr.


    Grüße von
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Hallo,


    "Väter und Söhne" habe ich mal vor ca. fünf Jahren bis zur Hälfte gelesen und fands dann doch sehr
    zäh. Ich habe jetzt mal ein paar Erzählungen von Turgenjew bei Ebay ersteigert für wenig Geld
    (mombours Kurzbeschreibungen haben Lust darauf gemacht :winken:) , vielleicht
    kommt danach ja noch mal die Lust "Väter und Söhne" vollständig zu lesen.
    Gereizt hatte mich damals ja die Tatsache, das es sich um die literaische Geburtsstunde des Anarchismus
    handeln soll.


    Gruß, Lauterbach

  • Hallo,


    ich habe zwei Briefnovellen von ihm gelesen, übersetzt im Dörlemann Verlag von Dorothea Trottenberg, erschienen auch in der Reihe der Fischer Klassiker, allerdings in der Schreibweise Ivan Turgenev:


    Faust:
    in dieser Briefnovelle, die so leicht und elegant wie Werther daher kommt, trifft ein Mann in mittleren Jahren seine Jugendliebe wieder, die inzwischen verheiratet ist und eine Tochter hat. Sie hat sich nicht verändert und wirkt viel zu unschuldig in seinen Augen; (Kein Fältchen auf der Stirn, als hätte sie all die Jahre über irgendwo im Schnee gelegen.). Er macht sie mit Goethes "Faust" bekannt; liest ihr darin vor und weckt eine Leidenschaft in ihr, mit der sie am Ende nicht fertig wird.


    Briefwechsel:
    so heißt die zweite Briefnovelle die Turgenev schrieb. Darin schreibt ein junger Mann einer ehemaligen Bekannten; sie schreiben über die Liebe und was eine Frau damals erwarten durfte. Er schürt ihre Hoffnung auf Liebe und kündigt sogar seinen Besuch an... Am Ende erliegt er einer gewöhnlichen Tänzerin.


    In beiden Fällen handeln diese Männer unbedacht und spielen mit Gefühlen, obwohl sie sich intellektuell der Liebe und den Frauen überlegen fühlen um am Ende doch zu scheitern.


    In beiden Briefnovellen verarbeitet Turgenev auch autobiographische Erlebnisse. In "Faust" seine Bekanntschaft mit Marja Tolstaja, der Schwester von Lev Tolstoj.



    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

  • Diesen alten Ordner habe ich wieder hervorgekramt, weil ich endlich die "Aufzeichnungen eines Jägers" vom SUB in meine Lesefinger genommen habe.


    Ein wirklich gutes, nicht unbedingt Turgenjev-typisches Buch, denn ansonsten spielen seine Romane doch eher in der Adelswelt, auch wenn auch dort nicht mit Sozialkritik gespart wird.


    In den Erzählungen des oben stehenden Werkes aber stehen oft die Bauern im Mittelpunkt, und man erschrickt, was Menschen in der Mitte des 19. Jahrhunderts von ihren "Besitzern" widerfahren konnte. Sehr anrührend, ganz ohne dass Turgenjev irgendwo in einen anklagenden oder rührseligen Tonfall verfällt.


    Daneben erfreuen mich wunderbare Naturschilderungen.


    Weshalb ich aber jetzt schon schreibe, obwohl ich noch nicht durch bin, ist die Erzählung "Der Hamlet des Kreises Stschigry", die mich besonders begeistert. Hier geht es um einen verkrachten Gutsbesitzer, der sein ganzes Leben lang einer Originalität nachgestrebt hat, die er nie erreichen konnte und dadurch einen analytischen Sinn für Menschen und deren Auftreten bekommt, der zu einem sarkastischen Verständnis der Welt und seiner selbst führt. Hierin eben ähnelt er ein wenig dem ebenfalls indifferenten Hamlet, der mit sich und seiner Umgebung hadert.
    Das Ganze dann aber in der russischen Variante, diesem Typus des Gutserben, der seinen Besitz, nachdem die Vorväter schon ebenfalls mit allen Mitteln daran gearbeitet haben, nun vollständig durchbringt und sich dann nur noch auf irgendwelchen Festen oder bei anderen Gutsbesitzern, kaum geduldet, durchfuttert.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)

  • Was für eine einladende Besprechung, finsbury ! Ich habe ja "Vorabend" in meiner Wettbewerbsliste, weil ich nach "Väter und Söhne" endlich mehr von Turgenjew lesen will, aber die "Aufzeichnungen" klingen sehr verlockend ... Ich mag Erzählungen gerne und das Thema ist natürlich interessant. Hm, das muss ich mir dann überlegen, ob ich austausche (oder am besten beide Bücher lese :rollen:).

  • Ergeht mir genauso, Gina.


    finsbury ,
    deine Buchbesprechung hat mich dazu animiert, mir "Die Aufzeichnungen..." runterzuladen.


    Wie ich gesehen habe, hast du auch die Übersetzung aus dem Gutenberg Archiv gelesen.



    Edit: 1. Kapitel
    Der Vergleich zwischen dem Kalugaschen Zinsbauer und Orjolsche Bauer ist ja wunderbar beschrieben, da wäre man lieber im Shisdrinschen Kreise.


    Etwas erinnert es mich auch an Leskow.


    Gruß,
    Maria

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)

    Einmal editiert, zuletzt von JMaria ()

  • Vielen Dank für eure Rückmeldung, Maria und @Gina.
    Ja, wenn man Erzählungen gerne mag, gibt es wirklich kein Hindernis, diese schönen und aufschlussreichen Texte zu lesen.


    Maria , ich habe eine andere Ausgabe gelesen und das Zitat nur aus Faulheit von Gutenberg übernommen. Mein Übersetzer einer Uralt-Fischerausgabe heißt Manfred von der Ropp. Aber ich glaube, die tun sich nicht viel, ob er oder Alexander Eliasberg von der Gutenberg-Version. Das Original muss in seinen Ausdrücken so präzise sein, dass es sich recht gut übersetzen lässt.
    An Leskow erinnere ich mich leider nicht so gut. Es ist Jahrzehnte her, dass ich seinen "Held unserer Zeit" gelesen habe.

    Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. (Kafka)


  • Vielen Dank für eure Rückmeldung, Maria und @Gina.
    Ja, wenn man Erzählungen gerne mag, gibt es wirklich kein Hindernis, diese schönen und aufschlussreichen Texte zu lesen.


    Maria , ich habe eine andere Ausgabe gelesen und das Zitat nur aus Faulheit von Gutenberg übernommen. Mein Übersetzer einer Uralt-Fischerausgabe heißt Manfred von der Ropp. Aber ich glaube, die tun sich nicht viel, ob er oder Alexander Eliasberg von der Gutenberg-Version. Das Original muss in seinen Ausdrücken so präzise sein, dass es sich recht gut übersetzen lässt.
    An Leskow erinnere ich mich leider nicht so gut. Es ist Jahrzehnte her, dass ich seinen "Held unserer Zeit" gelesen habe.


    Ah. Danke für die Info der Übersetzungen. Mir gefällt die Gutenberg Version gut. Ich habe weitergelesen und mir gefällt die Stimmung, die das Buch verbreitet.


    "Held unserer Zeit" - du meinst Lermontow, den kenne ich noch nicht. Von Leskow habe ich einen Erzählband aus dem Menasse Verlag gelesen. Bekanntestes daraus ist "Die Lady Macbeth von Mzensk".

    In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)


  • Mir gefällt die Gutenberg Version gut. Ich habe weitergelesen und mir gefällt die Stimmung, die das Buch verbreitet.


    Ui, Maria, liest du denn das Buch gleich? Du bist ja schnell. :smile:


    Ich habe mal nachgeschaut. Meine Ausgabe (Insel Taschenbuch) ist auch in der Übersetzung von Manfred von der Ropp.


    "Ein Held unserer Zeit" habe ich vor ca. 25 Jahren gelesen und kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern, nicht mal, ob es mir gefallen hat. :redface:
    Leskow kenne ich noch nicht.